«DAS PROJEKT ‹GIULIA› WAR VON DER TECHNIK HER NICHT AUSGEREIFT»

Der FCA-Konzernchef Sergio Marchionne erklärte am 86.Genfer Automobil-Salon die Gründe für die verzögerte Lancierung der Mailänder Limousine und gab einen Situationsbericht zum italo-amerikanischen Konzern.

Sergio Marchionne begründet die Verspätung des langerwarteten Alfa Romeo Guilia.

Wie nicht anders zu erwarten, wurde die Salon-Pressekonferenz vom 1. März mit Sergio Marchionne zu einem eigentlichen Anlass. Gut hundert Journalisten drängten sich in den Konferenzraum, um den ätzenden Humor und die beissende Ironie nicht zu verpassen, mit denen der CEO von Fiat Chrysler Automobiles (FCA) die aktuelle Lage der italo-amerikanischen Gruppe kommentierte.

Der italienische Boss sparte nicht an sarkastischen Spitzen oder trockenen Bemerkungen und gelegentlich abfälliger Selbstironie, als er den Werdegang der Giulia analysierte. Alfa präsentierte endlich die ganze Modellpalette seines jüngsten Kindes am Genfersee. Warum kommt die auf Ende 2015 erwartete Limousine aus Mailand erst jetzt?

Sergio Marchionne über den Giulia, Formel 1, SUVs und die Zukunft des Lancias.
Sergio Marchionne über den Giulia, Formel 1, SUVs und die Zukunft des Lancias.

«Das Projekt ‹Giulia› war von der Technik und von den Systemen her nicht ausgereift. Im Klartext: Wir waren nicht bereit. Wenn wir uns in ein von den Deutschen dominiertes Marktsegment einladen, dann können wir uns keine Schwächen erlauben. Wir mussten alle unsere Stärken einsetzen, um einen Wagen hinzustellen, der mit gleichen Waffen gegen die deutsche Konkurrenz antritt. Es stand ausser Frage, mit einem Modell herauszukommen, das auf den ersten Metern Probleme haben könnte. Wir können uns einen Fehltritt nicht leisten. Aber seien Sie beruhigt, die Giulia ist ein fantastisches Auto.» In Bezug auf die Pläne für die sechs anderen neuen Alfa-Modelle gab Sergio Marchionne an, dass zwei von ihnen 2018 kommen würden, verriet aber keine weiteren Einzelheiten.

Formel 1

Der Konzernchef von FCA schwärmt von der Rückkehr der Marke Alfa Romeo in die Formel 1: «Das wäre ein unglaublicher Anlass, auch wenn wir derzeit erst in der Konzeptphase des Projekts sind. Ferrari könnte Alfa mit Motoren versorgen, wie das die Scuderia a priori schon mit Toro Rosso tut. Mit ihrem historischen Erbgut und dem motorsportlichen Ansehen gehört Alfa in die Königsdisziplin des Autorennsports. Aber bevor wir den Hersteller aus der Lombardei auf den Rennstrecken sehen, müssen die Geschäftszahlen stimmen, das will finanziert sein. Und genau das soll die Giulia schaffen.»

Aber weil gerade der amerikanische Markt besonderes Gewicht für Alfa habe, wäre der Einsatz in einer Rennserie in den USA nicht wirtschaftlich sinnvoller als die Formel-1-Weltmeisterschaft, fragte ein italienischer Journalist. «Die Art von Rennen, die in den Vereinigten Staaten populär sind, entsprechen nicht dem DNA der Mailänder Marke. Ehrlich gesagt, wenn Sie sich zum Beispiel einen Porsche im Nascar vorstellen, ist das nicht besonders inspirierend.»

Zu den Fortschritten der Scuderia gab sich Sergio Marchionne optimistisch im Vorfeld zum ersten Grand Prix der Saison

2016, die am 20. März in Australien angefangen hat. «Die Testfahrten in Barcelona lassen Hoffnung aufkommen. Der SF16-H ist äusserst konkurrenzfähig, und die Piloten sind mit dem Auto sehr zufrieden. Ich bin zuversichtlich, dass der Ferrari ab dem ersten GP in der ersten Startreihe stehen kann. Aber ich habe das Gefühl, dass Mercedes nicht alle Karten auf den Tisch gelegt hat. Das Weltmeisterteam gab sich in Katalonien sehr ruhig und vorsichtig und hat viele Testkilometer angehäuft. Die Silberpfeile haben praktisch schon die ganze WM-Distanz in einigen wenigen Tagen unter die Räder genommen.» Der FCA- Boss liess es sich nicht nehmen, die grössten Konkurrenten herauszufordern: «Ich würde es gerne sehen, wenn Volkswagen als einer der mächtigsten Autokonzerne mit Audi in die Formel 1 einstiege. Sie verfügen über die technische und logistische Infrastruktur.»

Keine Fusion mit PSA

In der Folge gab sich Sergio Marchionne gereizt auf Fragen zu einer Industrieverbindung oder einer Fusion mit PSA Peugeot Citroën. «Entgegen bestimmten Gerüchten haben wir die französische Gruppe nicht kontaktiert. Wir produzieren übrigens schon seit etwa dreissig Jahren leichte Nutzfahrzeuge für sie in Italien. Und wir verhandeln mit keinem anderen Hersteller. Der FCA-Konzern geht derzeit seinen Weg allein.»

Im Stile eines SUVs mischt der Maserati Levante auf dem Markt mit.
Im Stile eines SUVs mischt der Maserati Levante auf dem Markt mit.

Am 86. Internationalen Automobil-Salon gab es eine wahre Lawine von SUV zu entdecken. Jede Marke scheint sich nur auf diese Art Fahrzeug zu konzentrieren. Ist FCA aber in diesem Segment am Bremsen? «Überhaupt nicht. Jeep ist stellvertretend für die Fähigkeiten unserer Gruppe im SUV-Segment, was die Entwicklung und die Verkaufserfolge anbelangt. Zudem muss ich richtigstellen, dass wir derzeit gerade eine Reihe von Modellen lancieren, darunter auch den Maserati Levante, der nicht ein eigentlicher SUV ist, sondern den man eher als Compact Utility Vehicles klassifizieren sollte. Aber weit wichtiger ist für mich, dass der neue Fiat Tipo in seiner Preisklasse in Sachen Qualität konkurrenzlos ist.»

Am meisten erhofft sich Marchionne jedoch den Erfolg des Fiat Tipos.
Am meisten erhofft sich Marchionne jedoch den Erfolg des Fiat Tipos.

Lancia wird nicht wiederbelebt

Ein mutiger britischer Journalist versuchte sich als Wegbereiter eines Comebacks für die von FCA eingeschläferte Marke Lancia: Ob der Konzern nicht einen Lancia bringen, der gegen die Modelle von Tesla antreten könnte? Sergio Marchionne meinte entschieden: «Wir setzen diese Marke nicht ein, um die Modelle des kalifornischen Herstellers zu konkurrenzieren, weil es sich bei diesen um eine furchtbare Idee handelt. Ich habe keine Absicht, in naher Zukunft Geld für ein Elektrofahrzeug auszugeben, auch wenn wir über das technische Know-how verfügen. Und was die Wiedergeburt von Lancia anbelangt: nur über meine Leiche.»

Das letzte Modell des Lancias wird nur noch Italien angeboten.
Das letzte Modell des Lancias wird nur noch Italien angeboten.

Ob es denn vorstellbar wäre, den Lancia Delta HF Integrale zurückzubringen, der doch gut zum Abarth 124 Spider passen würde, hakte der Brite nach. «Die Investitionen für ein derartiges Projekt wären zu hoch», unterbrach Sergio Marchionne und besiegelte damit quasi das offizielle Ende der Turiner Marke.

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