Driften: Alles fing in Japan an

Driften ist in. Doch woher kommt der Kult um quer­stehende Autos mit ­qualmenden Reifen? Die AR ging auf Spurensuche.

Sagt Ihnen Kunimitsu Takahashi etwas? Motorsportkennern ist der Name möglicherweise ein Begriff. 40 Jahre tummelte sich der im vergangenen Jahr verstorbene Takaha­shi im Motorsport. 1961 gewann er als ­erster Japaner auf dem Hockenheimring (D) einen Motorrad-Grand-Prix-Lauf in der Viertelliterklasse. Nach ­einem Unfall bei der Tourist-Trophy auf der Isle of Man (GB) wechselte er auf vier ­Räder und schaffte es 1977 auf einem privaten Tyrrell beim Grand Prix von Japan sogar in die Top Ten! Auch bei den Sportwagen hinterliess der Japaner seine Spuren. Neben Titeln in seiner ­Heimat heimste er bei acht Le-Mans-Teilnahmen 1995 einen Klassensieg ein.

Tokio, Eldorado der Drifter

Doch Takahashi ist vor allem eines: der Vater des Driftings. Um den Mangel an mechanischem Grip der Reifen zu kompensieren, entwickelte Kuni-­san eine Technik, um den Topspeed auch in den Kurven halten zu können. Dabei brachte er sein Auto mittels Übersteuern vor dem Scheitelpunkt zuerst ins Rutschen, ehe er dann mit maximalem Speed aus der Kurve herausbeschleunigte.

Das sah spektakulär aus und fand bald Nachahmer. In den frühen 1970er-Jahren wurden in Tokio und anderen japanischen Städten Rennen nach exakt diesem Muster ausgetragen. Dabei gab es zwei Lager gab: Die Hashiriya-Racer, die ausserhalb der Städte auf offenen Strassen Gas gaben. Und die Kaido-Racer, die in den Zentren für qualmende Reifen sorgten. Illegal waren aber beide Formen gleichermassen.

Genauso illegal, aber umso beliebter waren auch die Driftrennen auf engen Berg- und Passstrassen. Weil die Technik immer mehr verfeinert wurde, wurde das Überholen auf solchen Bergaufstrecken allerdings immer schwieriger. Die Driftkünstler mussten neue Wege gehen und erfanden das Touge-Racing, bei dem ein Fahrer das Tempo vorgibt und der Verfolger möglichst dicht an ihm dranbleibt. Star dieser Szene war Keiichi Tsuchiya, ein japanischer Tourenwagenfahrer, dessen Idol – Sie haben es erraten – Kunimitsu Takahashi war. Tsuchiya war auf allem schnell, was vier Räder und einen Motor hatte. Und er war der Publikumsliebling schlechthin. Aus Langeweile, weil er nicht selten vorneweg fuhr, fing er während der Rennen an, Kurven im Drift zu nehmen – zur Freude der japanischen Fans, die ihn der Showeinlagen wegen verehrten.

Einst Star der Szene: Der japanische ­Tourenwagenpilot Keiichi Tsuchiya.

Driftvideo sorgt für Polizeieinsatz

Weil in Japan zu dieser Zeit parallel die Tuning­szene erwachte, sah der spätere Le-Mans-Gesamtzweite des Toyota-GT-One-Teams grosses Potenzial darin, Driften weltweit populär zu machen. Noch bevor es das Internet gab und Youtube zum täglichen Begleiter einer ganzen Generation wurde, liess Tsuchiya ein Video anfertigen. «Pluspy», so der Name des 23-minütigen Filmchens (s. QR-­Code), zeigt den japanischen Driftkönig auf einem Toyota Corolla AE86 GTV (in Japan Hachi-Roku genannt, deutsch 86) und verhalf der neuen Race-­Action zum Durchbruch. Und das, obwohl die Polizei die Bänder beschlagnahmte und der japanische Motorsportverband Tsuchiya mit einer Rennsperre aus dem Verkehr zog.

Doch alle Blockaden nützten nichts. Tsuchiya kehrte zurück auf die Rennstrecke, erfolgreicher denn je. Und 1996 schlug er ein neues Kapitel auf. Auf dem Willow Spring Raceway in Kalifornien fand der erste bedeutende Driftwettbewerb ausserhalb Japans statt. Internationale Driftstars wie Rhys Millen aus Neuseeland und Bryan Norris aus den USA machten aus dem Event einen Riesenerfolg. Einer der Judges, die die Driftkünstler bei ihrer Arbeit beurteilten, war Tsuchiya.

Und es ging weiter. Immer mehr Driftwettbewerbe wurden abgehalten – weltweit. Zu den bekanntesten Veranstaltungen gehören heute der D1 Grand Prix in Japan, die europäische Drift Masters Series, die Formula D in den USA und Events wie Red Bull Car Park Drift im Nahen Osten und in Afrika.

Driftkönig im Blockbuster

Auch die Filmindustrie sprang auf den Zug auf. Der erste Teil von «The Fast and the Furious» erschien 2001. Der Blockbuster basiert auf einen Artikel des Journalisten Ken Li. Dieser recherchierte für «Racer X» einige Zeit im Milieu der illegalen Strassenrennen und begründete damit das Fundament dieser erfolgreichen Action-­Filmserie, in deren drittem Teil «Tokyo Drift» auch Tsuchiya zu sehen ist. Er bestritt neben ­einem Gastauftritt auch zahlreiche Stunts. Das Problem: Tsuchiyas Driftkünste waren oft zu professionell. Die Regie wies ihn deshalb an, «glaubwürdiger» zu driften. Bis heute besteht die «Fast and Furious»-Reihe aus zehn Kino-, zwei Kurzfilmen und einer Animationsserie.

Auch die Spielkonsole-Industrie entdeckte das Driften schon vor längerer Zeit für sich. Zahlreiche Auto-Games, allen voran «The Need for Speed» (das erste Spiel dieser Art kam 1994 heraus), überschwemmten den Markt geradezu. Von der hohen Kunst des Driftens lebte auch Ken Block. Der US-Amerikaner, der im Januar bei einem Schneemobilunfall ums Leben kam, hat die Driftszene mit seinen Gymkhana-Clips endgültig kommerzialisiert. Spricht man Drifter, die den Sport wettbewerbsmässig ausüben, auf ihn an, ist der Tenor (fast) überall derselbe: «Die Videos von Ken Block sind genial gemacht», sagt Yves Meyer, der erfolgreichste Schweizer Drifter (s. Seite 12). «Sie haben mit unserem Sport aber nicht viel gemein. Trotzdem sind wir Ken Block natürlich zu grossem Dank verpflichtet. Dass die Fangemeinde weltweit angewachsen ist, hat viel mit ihm zu tun.» Mit ihm und seinen japanischen Vorgängern. 

Sehen Sie «Pluspy», das Driftvideo von Keiichi Tsuchiya.
https://youtu.be/di_X8IQLlAw

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