Geheimnisse der Dreharbeiten zu «Keine Zeit zu sterben»

Diese Woche kommt «Keine Zeit zu sterben» (Originaltitel «No Time to Die») in die Kinos. Der 25. Film der James-Bond-Reihe wartet mit erstklassiger Besetzung auf.

Das Mindeste, was wir sagen können, ist, dass wir lange auf sie warten mussten. Und das aus gutem Grund, denn ihr letzter Auftritt auf der Kinoleinwand war in «Spectre». Das war im Jahr 2015, also vor über fünf Jahren. Sie sind natürlich die Bond-Cars. Genauso wichtig wie die Hauptdarsteller im Film – jedenfalls in unseren Augen – sind die Fahrzeuge in den James-Bond-Filmen, die immer wieder für Aufregung sorgen und sogar Automobilgeschichte schrieben. In der Tat ist es schwierig, an das Toyota-Cabriolet 2000 GT zu denken, ohne dass einem «Man lebt nur zweimal» (1967) in den Sinn kommt, oder den Lotus Esprit zu erwähnen, ohne unwillkürlich an «Der Spion, der mich liebte» (1977) zu denken. Und wie können wir über den Aston Martin Vanquish sprechen, ohne «Stirb an einem anderen Tag» (2002) zu thematisieren? Es ist schlichtweg unmöglich, denn die genannten Modelle sind untrennbar mit der im Jahr 1953 von Ian Fleming erfundenen Figur 007 verbunden.

Mit fast einem halben Dutzend Autostars in den Hauptrollen (plus zahlreichen Statisten) sieht der neue, 25. Film über die Abenteuer des berühmtesten Geheimagenten, «Keine Zeit zu sterben», sehr vielversprechend aus, denn die Autobesetzung wurde sorgfältig ausgewählt. Natürlich reicht es nicht aus, die besten Schauspieler der Welt in die Besetzung aufzunehmen. Szenische Darstellung und Regie bleiben die entscheidenden Elemente des Films. Wie Sie sicher schon verstanden haben, geht es hier hauptsächlich um Verfolgungsjagden. Ohne die Handlung des neusten Aben­teuers des Doppelnull-Agenten Bond zu verraten, wagen wir einen Blick hinter die Kulissen der aufwendigen Dreharbeiten, bei der unter anderem Fahrzeuge von Aston Martin und diverse Land Rover auftreten.

Defender in Schottland

Lassen Sie uns mit dem DeLorean aus dem Film «Zurück in die Zukunft» (kein Bond!) zwei Jahre in die Vergangenheit reisen. Wir schreiben Juli 2019, und die 300 Mitarbeiter von Eon Productions, dem legendären Unternehmen, das für die Dreharbeiten zu den Bond-Filmen verantwortlich ist, haben ihre angestammten Räumlichkeiten in den Pinewood-Studios im Westen von London verlassen, um auf dem Landgut Ardverikie in den schottischen Highlands unter freiem Himmel zu drehen. Mehr denn je finden die Dreharbeiten im Verborgenen statt. Und das aus gutem Grund, denn neben dem verständlichen Wunsch, die Dreharbeiten geheim zu halten, gibt es noch einen weiteren Aspekt, mit dem die Produktion zu kämpfen hat: Bei der Verfolgungsjagd, die gefilmt wird, kommen zehn Land Rover Defender zum Einsatz. Aber nicht das ikonische Modell, das 1948 auf den Markt kam (und für 007 bereits in «Skyfall» und «Spectre» herhalten musste). Nein, es ist der neue Defender. Natürlich ist das Modell schon seit Langem bei den Händlern zu sehen. Aber zum Zeitpunkt der Dreharbeiten hatte die internationale Präsentation (auf der IAA in Frankfurt) noch nicht stattgefunden. Für Land Rover war es daher wichtig, dass vor der offiziellen Präsentation keine Bilder des Fahrzeugs an die Öffentlichkeit gelangten. Zumal der neue Defender von enormer wirtschaftlicher Bedeutung für den britischen Hersteller war und ist.

Obwohl sie zu den ersten Fahrzeugen gehörten, die in Nitra in der Slowakei vom Band liefen, werden die zehn Fahrzeuge, die an diesem Tag in Schottland zu sehen sind, von der Filmcrew hart rangenommen: «Wir haben dem Defender mehr abverlangt als wir für möglich hielten», erklärt Stuntkoordinator Lee Morrison. Bei einem der dargebotenen Stunts fliegen drei schwarze Defender über 30 Meter (!) weit. Dabei wurden die Fahrzeuge zuvor nicht einmal stark modifiziert: «Sie erhielten höchstens einen Überrollbügel und Schalensitze», führt Morrison aus. «Natürlich hatten die Ingenieure von Land Rover auch eine hydraulische Handbremse eingebaut, aber die haben wir nicht einmal benutzt!»

Die Defender werden von Schurken gefahren, die auch über Triumph Scrambler und Range Rover Sport SVR verfügen, um Bond (zum fünften und letzten Mal gespielt von Daniel Craig) zu verfolgen. Bond versucht, in einem Toyota Land Cruiser Prado J90 zu entkommen. Der japanische Geländewagen mit fünf Türen und langem Radstand ist ein altes Modell, das bereits seit Ende der 1990er-Jahre gebaut wird.

Ein Überrollbügel und Schalensitze waren die einzige ­Zusatzausstattung der Defender für die Actionszenen.

Dreharbeiten in Italien

Zwei Monate später, im September 2019, dreht das Bond-25-Team in Matera, einer kleinen Stadt im Absatz des italienischen Stiefels in der Basilicata. Matera ist Schauplatz der Eröffnungsszene von «Keine Zeit zu sterben» (die Szenen wurden nicht unbedingt in der chronologischen Reihenfolge des Films gedreht). Aber es gibt ein Problem: Matera gehört zum Unesco-Weltkulturerbe. Und natürlich ist es schier unmöglich, eine Drehgenehmigung für eine Actionszene in einem so schönen und geschützten Ort zu bekommen. Aber nicht für 007. Und vor allem ist Eon Productions dafür bekannt, die Drehorte in einem besseren Zustand zu hinterlassen, als sie sie bei der Ankunft vorfindet. Für die berühmte Verfolgungsjagd in «Spectre» (2015) in Rom (die mit dem Aston Martin DB10) ging die Produktionsfirma sogar so weit, Graffiti von den Hauswänden der italienischen Hauptstadt zu entfernen. Nach neun Monaten zäher Verhandlungen erhielt «Keine Zeit zu sterben» endlich grünes Licht von den italienischen Behörden. Allerdings gab es einige Einschränkungen wie ein Verbot von Hubschrauberflügen über der Stadt.

Für Regisseur Cary Joji Fukunaga und sein Team bedeutete das natürlich, dass sie ihre Dreharbeiten völlig neu überdenken mussten. Wobei ihnen ein Element extrem half – das Fahrzeug. Ganz egal, aus welchem Winkel es gefilmt wird, die Bilder auf der Leinwand werden auf jeden Fall gut aussehen. Die Verfolgungsjagd von Matera zeigt Bonds berühmtestes Fahrzeug, den Aston Martin DB5. Der DB5, ein zeitloser Cocktail aus Eleganz und Stil mit einem Schuss Sportlichkeit, wurde von Sean Connery zuerst in «Goldfinger» (1964) und dann in «Feuerball» (1965) gefahren, bevor er auf mysteriöse Weise in Vergessenheit geriet. Aber es sollte eine Wiederauferstehung geben, zuerst in «Goldeneye» (1995), dann in «Casino Royale» (2006), «Skyfall» (2012) und «Spectre» (2015).

Nachbau von acht DB5

Chris Corbould, der für die Spezialeffekte in «Keine Zeit zu sterben» verantwortlich war, stellte mit der Kraterszene in «Spectre» bereits einen Guinness-Weltrekord für die grösste Filmstunt-Explosion auf. «Regisseur Cary Joji Fukunaga wollte unbedingt einen Aston Martin DB5 im Film», erinnert sich Corbould. Ein Wunsch des Regisseurs kommt einem Befehl gleich, und so wurden für den Film nicht weniger als acht britische Coupés nachgebaut – mit einer grosse Anzahl von Ersatzteilen. Sechs der Coupés wurden für Actionszenen verwendet. Die zwei detaillierteren Replikas werden für visuell ausgefeiltere Szenen verwendet, vor allem für Innenaufnahmen, in denen Daniel Craig, der bei dieser Gelegenheit von Léa Seydoux (Madeleine Swann auf der Leinwand) begleitet wird, nicht durch ein Double ersetzt wird.

Die acht DB5, die in Zusammenarbeit von Aston-Martin-Lagonda-Chefdesigner Marek Reichman, Ingenieuren am Aston-­Martin-Hauptsitz in Gaydon (GB) und Chris Corbould entwickelt wurden, sehen zwar ähnlich aus, unterscheiden sich aber technisch stark vom Originalmodell. Die nachgebauten Aston haben eine Karbonfaserkarosserie und ein Stahlrohrchassis, wie es auch im Motorsport verwendet wird. Diese Struktur macht das britische Auto erheblich leichter. Während der ursprüngliche DB5 fast 1500 Kilogramm wiegt, beträgt das Gewicht der modifizierten Version nach den von Aston mitgeteilten Informationen eher rund eine Tonne. Auch die Aufhängung, das Getriebe und der Motor sind völlig anders. Der Sechszylinder-Reihenmotor leistet 365 PS, während das ursprüngliche Modell nur 286 PS leistete (was für die damalige Zeit dennoch sehr beeindruckend war).

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70 000 Pfund für… Cola

Jedes der Fahrzeuge ist mit einer hydraulischen Handbremse, einem Überrollbügel und Kamerahalterungen ausgestattet und kann von Technikern vor Ort schnell repariert werden. Alle wurden jedoch speziell für bestimmte Szenen angepasst: Ein Auto, das eine Rutschpartie absolvieren soll, hat andere Einstellungen als ein Auto, das an einer Verfolgungsjagd mit hoher Geschwindigkeit beteiligt ist. «Die Herausforderung hier in Matera besteht darin, dass es fünf oder sechs verschiedene Strassenbeläge gibt, an die man die Autos ständig anpassen muss», erklärt Neil Layton, einer der Stuntkoordinatoren von Eon Productions. Zu allem Überfluss sind die Strassen und Trottoirs der Stadt mit einer dünnen Staubschicht bedeckt, die so rutschig ist wie Eis. Was tun, um die Griffigkeit zu erhöhen? Das Filmteam schüttet Tausende von Litern Coca-Cola auf den Boden. Mark Higgins, ein ehemaliger Rallyefahrer, der jetzt als Stuntman arbeitet, erzählt lachend von dieser Lösung: «Wir haben insgesamt etwa 70 000 Pfund für das Zeug ausgegeben. Der Unterschied ist verblüffend, Coca-Cola erhöht die Griffigkeit um etwa 70 Prozent.»

Unter den verschiedenen Versionen des Aston Martin DB5 gibt es eine ganz besondere. Dieser DB5 weist eine zusätzlich auf dem Dach montierte Fahrerkabine auf. Ausgestattet mit einem Lenkrad, Pedalen und einem Gepäckträger, kann so ein Stuntman anstelle von Daniel Craig fahren, der sich dann auf seine Schauspielerei konzentrieren kann. Allerdings muss er am Steuer trotzdem die richtige Körpersprache an den Tag legen: «Es ist nicht einfach, die richtige Fahrposition zu finden. Als Fahrer sitzt man beispielsweise sehr dicht hinter dem Lenkrad. Das Problem dabei ist, dass das im Film nicht gut aussieht. Ich versuche also, eine natürlichere, das heisst entspanntere Haltung einzunehmen», erklärt Craig.

Gadgets auf dem neusten Stand

In Matera tritt der Aston Martin von 007 gegen ­einen Range Rover Classic, mehrere Jaguar XF und einen Maserati Quattroporte von 1996 an. Natürlich verfügt der DB5 über eine Reihe neuer Gadgets, die ihm helfen, gegen diese Autos zu bestehen, wie Chris Corbould erklärt: «Zu den Gadgets des DB5 gehören die traditionelle Nebelwand, hinter der hinteren Stossstange versteckte Minen und ein LED-Nummernschild.» Letzteres erinnert laut Eon Productions an das drehbare Nummernschild des Goldfinger-DB5. Als zusätzlicher Bonus ist hinter den versenkbaren Scheinwerfern des Aston eine M134-Vulcan-Minigun versteckt, die an die Maschinengewehre hinter den Blinkern des DB5 erinnert, mit dem Sean Connery 1964 über die Furka fuhr.

Damit ist die Liste der Autos in der Besetzung jedoch noch nicht zu Ende. Die neue Doppelnull-Agentin Zero Nomi (gespielt von Lashana Lynch) bekommt für ihre Missionen einen Aston Martin DBS Superleggera. Was Bond betrifft, so fährt er nicht nur einen DB5, sondern auch einen anderen Vorgänger. In diesem Fall handelt es sich um den Aston Martin V8, der zuletzt in «Der Hauch des Todes» (1987) zu sehen war. Der Film wurde auf der wunderschönen Atlantikstrasse in Norwegen gedreht. «Der V8 ist ein Auto, das ich schon immer geliebt habe», sagt Regisseur Cary Joji Fukunaga. Und der Aston gehört auch zu den Lieblingsautos von Daniel Craig. «Ich bin ein Fan dieses Autos! Er fährt sich wie ein amerikanisches Muscle-Car, aber mit britischer Klasse», sagt er. Und dann ist da noch der Valhalla. Das Fahrzeug, das sich noch in der Entwicklung befindet, hat einen kurzen Auftritt im Film. Auf Jamaika fährt Bond dagegen einen Land Rover Series III.

«Keine Zeit zu sterben» beweist einmal mehr, dass der Geheimagent James Bond und Autos untrennbar miteinander verbunden sind, wie Aston-Martin-Geschäftsführer Tobias Moers betont (s. Interview): «Ich finde, Aston Martin gehört einfach zu James Bond und umgekehrt.» Auch Designer Marek Reichman stimmt dem zu: «Wenn ich ein Fahrzeug entwerfe, fragt sich ein Teil von mir immer: Würde James Bond dieses Auto gerne fahren?» Dies sagt viel über den Einfluss des britischen Spions auf die Automobilindustrie aus.

Viele der in diesem Artikel verwendeten Informationen stammen aus dem Buch «Bond Cars. The Definitive History» von Jason Barlow, in Englisch erschienen bei BBC Books.

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