Maxi-Taxi

DeSoto Taxis dominierten das Bild amerikanischer Grossstädte der 1940er-Jahre. Eines diente in der Schweiz und überlebte.

Es gibt einen Grund, warum DeSoto soviel Erfolg bei den Taxifahrern hatte. Gewiss, da war zunächst der riesige Innenraum. Ein anderer Vorzug aber ist mit einem kleinen Schriftzug am Auto angedeutet: «Fluid Drive». Dank der hydraulischen Kupplung, der Vorgängerin eines Wandlers, konnte sich der Taxifahrer das dauernde Kuppeln im dichten Stadtverkehr sparen. Welcher der Gänge gerade eingelegt war, spielte dabei keine grosse Rolle. Aber dieser Fluid Drive konnte noch mehr, nämlich schalten! Nur zwei Gänge zwar, aber immerhin. Das Ganze funktioniert mit einer mechanischen Schaltbox, dazu gibt es sogar eine Kupplung, und einem sich selbständig zuschaltenden Overdrive. Lässt der Fahrer beim Beschleunigen das Gas kurz los, fällt der Overdrive mit hörbarem «Klonk» rein, mit Kickdown lässt er sich wieder ausschalten. Kritiker nannten diese offiziell als Tip-Toe Shift, von Spöttern als «Clunck-O-Matic» bezeichnete Halbautomatik eine «ingeniöse Kombination der Nachteile einer Handschaltung mit den Nachteilen eines Automaten». Dies tut ihr allerdings unrecht. Im Stadtverkehr fährt sich ein so ausgerüsteter Wagen tatsächlich ohne dass einmal zum Schalthebel gegriffen oder gekuppelt werden müsste. Und das System ist robust und lässt sich vom Fahrer selber mit dem Gasfuss beeinflussen, wann es schalten soll.

Der seitengesteuerte 3878 Kubikzentimeter (327 ci) grosse Reihensechszylinder leistet zwar nur knapp 109 PS, aber es sind zähe, gusseiserne Pferde, und das maximale Drehmoment von etwa 260 Nm des L-Head steht bereits bei 1600 U/min an. Dieser Motor ist bestens bekannt, eine in grossen Teilen identische Maschine steckt in den Dodge WC und CC des Zweiten Weltkriegs und auch in den Mowag aus ehemaligen Armeebe-
ständen.

Der S11 war die überarbeitete Version des 1942er-DeSoto, der aufgrund des Kriegseintritts der USA nur wenige Monate im Herbst 1941 und Anfang 1942 vom Band lief. Anstelle der Klappscheinwerfer des 1942ers trug der Nachkriegs-DeSoto, der von 1946 bis Herbst 1948 angeboten wurde, eine konventionelle Beleuchtung am Wagenbug. Der Long Wheelbase war die Grossraumversion der Serie, mit seinem rund 30 Zentimeter längeren Radstand konnte er mit drei Sitzreihen, mit Rückbank und zwei davor liegenden Klappsitzen oder gar als Universaltransporter mit umklappbarer Heckbank und Durchlademöglichkeit geordert werden. Findige Bodyshops lieferten sogar eine Ambulanzversion, bei der zum Einladen des Patienten durch die Seitentür der entsprechende mittlere Türpfosten entfernt und wieder eingesetzt werden konnte – ein richtiges Multifunktionsauto sozusagen. Lieferbar als DeSoto Custom bot er alle Extras dieser direkt unter der Marke Chrysler liegenden, 1928 aus der Taufe gehobenen Marke. Dazu gehörte beispielsweise auch ein Radio. Der Name stammt übrigens von Hernando DeSoto, jenem Conquistador, der den Mississippi entdeckt haben soll. Nach heutigen Massstäben wäre der ruchlose Kerl allerdings als Namensgeber kaum mehr tauglich.

Schweiz-Amerika

In der Schweiz hatten die Amerikaner nach dem Krieg einen guten Einstand. Die Vorbereitungen zum Serienanlauf nach dem Ende der Auseinandersetzungen in Europa und Ostasien wurden bereits 1945 getroffen, die Amerikaner konnten liefern und boten gute, bewährte und robuste Qualität. Und hierzulande gab es Geld, das investiert werden wollte. Wer die Gunst der Stunde nutzen, das Geschäft wieder ankurbeln und auch etwas den Muff der Alten Welt loswerden wollte, der suchte das automobile Glück jenseits des Atlantiks. Ein DeSoto lag da goldrichtig. Die Marke wurde in der Schweiz von der Amag als DeSoto Diplomat montiert, ein aufgepeppter Plymouth, den es so nur für den Export oder als CKD-Kit  gab, oder eben direkt importiert wie alle Full-Size-Modelle. Hierfür war, ein erstaunlicher Umstand, ein anderer Importeur zuständig: Titan Auto in Zürich.

Im Taxidienst in Appenzell

Unser Fotomodell kaufte sich 1948 ein Herr Locher aus Oberegg AI, der den Wagen mit einem VDO-Tachografen ausrüsten liess. Schick war er, der wuchtige Wagen, und dank seiner Flüssigkeitskupplung auch hierzulande ein gut zu fahrender Amerikaner. Die Gangwahl obliegt dem Fahrer, für Bergabfahrten steht trotz der immer mit etwas Schlupf funktionierenden Antriebsweise genügend Bremsmoment des Motor zur Verfügung, sofern die L-Stellung eingelegt ist. Es ist sogar möglich, das Auto durch Anrollen zu starten. Die Bremse, vorne mit doppelten Bremszylindern (Duplex), war die grösste in einem Personenwagen eingebaute der ganzen US-Autoindustrie. Die Handbremse wirkt als Aussenbandbremse auf die Kardanwelle. Eine P-Stellung fehlt allerdings. Ein Keil zur Hangsicherung ist Vorschrift. 

Statt der typischen Art-déco-Instrumente des S11 zeigt ein zeitgenössischer VDO-Tachograf
die Geschwindigkeit in Kilometern pro Stunde. Allzu viele Kilometer scheinen in den vergangenen 74 Jahren nicht zusammengekommen zu sein. Vermutlich war der Wagen weniger ein Ruftaxi als vielmehr eine Art Minibus und Limousine, die man buchen konnte.

Das Auto gehört seit vergangenem Jahr Daniele Scarciglia. Der Spezialist für antike Grammophone, Hochradfahrer und Liebhaber alter Technik, besitzt neben dem DeSoto noch einen Vorkriegs-Engländer. Der DeSoto war eine einmalige Gelegenheit, die Marke wird bei uns kaum gehandelt. Die Division von Chrysler war 1928 aus der Taufe gehoben worden, um eine etwas preisgünstigere Alternative zum topplatzierten Chrysler bieten zu können. Darunter rangierten damals Dodge und die Einsteigermarke Plymouth. 1961 aber waren die Verkaufszahlen so gering, dass Chrysler die Marke gleich nach dem schleppenden Start des neuen Modelljahrgangs fallen liess. Nur in der Türkei konnte sich DeSoto in einem Joint Venture von Chrysler mit dem lokalen Unternehmen Askam als Hersteller von Lastwagen bis 2005 halten.

In der Schweiz ist die Zahl der DeSotos sehr überschaubar. Gut zwei Dutzend Autos sind dem Autor bekannt, davon sind zwei Diplomat aus Schweizer Montage. Wer mehr dazu weiss, ist herzlich eingeladen, sich bei der Redaktion zu melden.

Straffe Sänfte

Sieben Personen dürfen im DeSoto mitreisen. Dass der Wagen hart im Nehmen ist, sieht man ihm an. Die Hinterachse zählt einige Federblätter mehr als die Limousine mit normalem Radstand, zudem sind die Stossdämpfer an diesem Wagen tatsächlich tiefergelegt. Wie, was? Mit speziellen Haltern, die mit den Blattfedern an der Achse verschraubt sind, hängen die Stossdämpfer weit unter der Achse neben den Rädern herunter, dafür nehmen sie, bei gleicher Länge, keinen Innenraum in Anspruch. Ihre Aufnahmepunkte würden ansonsten die über der Hinterachse sitzenden Passagiere quasi in den Hintern pieksen. Allerdings sitzt es sich in diesem Auto wie auf Grossmutters Sofa. Der Fussraum ist so gross, dass zum Abstellen der Füs­se eine Stange vorhanden ist. Eng wird es erst, wenn die beiden Notsitze ausgeklappt sind. Erstaunlich gross ist übrigens auch der Kofferraum.

Der Fahrkomfort aber ist überraschend straff. Das typische Schwimmen fehlt diesem Riesenauto fast völlig. Das schafft Vertrauen, und Besitzer Scarciglia steuert sein Taxi souverän durch die engen Gassen von Eglisau ZH, über kleine Strässchen oder am wartenden Postauto vorbei. Auf der Landstrasse, bei etwas über 80 km/h, ist der Motor kaum zu hören, die Windgeräusche sind marginal. Mit 136 km/h Höchstgeschwindigkeit laut Werksangabe ist der S11 übrigens bei mehr Gewicht und weniger Leistung so schnell wie seine Nachfolger mit Pontonkarosserie. Länge läuft, heisst es im Yachtbau, beim DeSoto ist es ein Zeichen seiner überraschend gelungenen Aerodynamik.

Schweizer Geschichte

Ein besonderer Amerikaner mit Schweizer Vergangenheit – der alte Textil-Fahrzeugausweis ist noch vorhanden – hat eine besondere Aufmerksamkeit verdient. Als das Auto 1948 ins Appenzellerland geliefert wurde, kannte man im Dorf noch jedes Auto und dessen Besitzer. Wer weiss, vielleicht gibt es noch jemanden, dem dieser DeSoto bekannt vorkommt oder ihn gar als Gast in Anspruch nahm. Gut möglich, dass sich weitere Geschichten zu diesem Auto finden lassen.

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