Hyundai Staria: einfach futuristisch

Mit einer Mischung aus Raumschiff und TGV sorgt der Hyundai Staria für Aufsehen. Unter dem Blech ist er aber erstaunlich bodenständig.

Bodenständig, das fängt bereits mit dem Eigengewicht von über 2.5 Tonnen an. Der Staria ist nicht nur optisch ein grosser Brocken. Sein quasi monolithischer Auftritt lässt aber auch nichts anderes erwarten. Doch zuerst zum Anfang: Hyundai hat es also gewagt und bringt ab sofort den neusten Van auch zu uns. Und entsprechend dem selbstbewussten Äusseren ist der Staria nicht einfach ein aufgepeppter Lastesel. Wo die Konkurrenz einfach einen bestehenden Lieferwagen mit Extrasitzen und reichlich Komfortmerkmalen auf Grossraumlimousine trimmt, gönnt sich Hyundai ein extra dafür konstruiertes, neues Modell, dessen Aufgabe einzig der Personentransport ist. Zumindest gilt dies für den Moment. Auf anderen Märkten ist der Staria tatsächlich bereits auch als Panelvan mit dem Zusatz Load ohne Seitenfenster erhältlich – als ein modischer Lifestyle-Lieferwagen sozusagen.

Die von uns getestete Spitzenausführung des Staria mit sieben Sitzplätzen lädt mit seinen geradezu verschwenderischen Fauteuils der mittleren Sitzreihe ein, sofort hinten Platz zu nehmen. Tatsächlich ist es im Redaktionsalltag noch selten vorgekommen, dass sich das Testteam zuerst für das Sitzerlebnis der Mitfahrenden interessiert hat. Mit ihren vielfachen Verstellmöglichkeiten inklusive einer ausklappbaren Fussauflage ist der Van quasi eine fahrende Relax-Lounge. Die Sitze in der Mitte bieten mit Liegefunktion, Sitzheizung, Belüftung und Massage ein Einmal-rundum-Wohlfühlpaket. Und das persönliche Wohlsein fängt bereits bei den elektrischen Schiebetüren an. Sie sind, entgegen der Befürchtung, recht schnell zu bedienen sowie störungsresistent. Sie aus der Ferne zu schliessen, fühlt sich im Cockpit zudem an, als sitze man im Linienbus. Der Van hat allerdings wirklich wenig mit einem Linienbus gemein. Er kommt luftig und gediegen daher, besitzt eine breite Konsole zwischen den Vordersitzen und ein volldigitales Cockpit. Als Getriebe dient ein Achtgang-Vollautomat der ausgesprochen sanften Sorte, der sich mittels Drucktasten bedienen lässt. Wie etwa im i-Cockpit von Peugeot fällt der Blick nicht durch, sondern über das Lenkrad hinweg auf die Instrumente. Dank reichlich Platz auf der Armaturentafel bis zur unteren Kante der Windschutzscheibe sitzt der Cluster, oder besser: der dünne Bildschirm, recht weit entfernt vom Betrachter. Dazu ist einzig zu sagen: Wem dies Unbehagen verursacht, sollte ohnehin den Optiker aufsuchen, um seine Fahrfähigkeit prüfen zu lassen. Aber es stimmt schon, es ist ungewohnt.

Ebenso ungewohnt ist der Umstand, dass der Staria zwar ein grosses Raumvolumen bietet, aber doch relativ wenig Kofferraum. Die zwei mittleren Fauteuils und die Bank der dritten Reihe baut niemand so schnell aus. Immerhin lassen sich die Sessel mittels eines einzigen Handgriffs auf Schienen schnell vor- und zurückschieben. Einzig die hintere Sitzfläche lässt sich hochklappen, was ein grosses Abteil vor der hinteren Bank entstehen lässt. Ist hingegen die Rückbank an den hintersten Anschlag geschoben, ragt die Sitzlehne tatsächlich aus der Öffnung der Heckklappe, es bleibt noch knapp Platz für eine Aktentasche.

Keine Experimente

Trotz seines avantgardistischen Auftritts nützt es nichts, am Staria einen Stecker zu suchen. Vorderhand gibt es schlicht keinen. Hyundai hat diesem People-Mover keinen alternativen Antrieb gegönnt, ja nicht einmal ein besonders exotischer Verbrenner treibt den stattlichen Wagen an. Was aus ökologischer Sicht als Fehler interpretiert werden kann, ist technisch betrachtet genau der richtige Motor: ein 2.2-Liter-Diesel. Mit seinem Drehmoment von 430 Newtonmetern zieht der Vierzylinder die schwere Fuhre mit Nachdruck voran – nicht sportlich, aber unbeirrt. Die Werksangabe von 13.5 Sekunden für den Sprint von 0 bis 100 km/h scheint glaubwürdig. Die Sport-Taste für den entsprechenden Fahrmodus ist jedoch, sagen wir es mal so: ganz nett. Aber gekoppelt mit einem Achtgang-Wandlerautomaten kultiviert der Antrieb diese raumschiffartige, stressfreie Art des Fahrens im Staria viel passender. Der Motor ist zwar kein Leisetreter, aber bei moderaten Drehzahlen wie auf der Autobahn erlaubt er ein unaufgeregtes Fahren. Da bleibt viel Zeit, den koreanischen Pragmatismus in Sachen Bedienkonzept zu bewundern. Die Ingenieure aus einem der digitalisiertesten Länder der Welt scheinen begriffen zu haben, dass ein einziger Touchscreen nicht für jede Funktion im Auto das Gelbe vom Ei ist. So stehen für die wichtigsten Funktionen wie Klima- oder Audioanlage entsprechende Tasten zur Verfügung. Modern zu wirken, ja fast futuristisch wie etwa der beschriebene Instrumentencluster, ist gewiss ganz gut. Den Koreanern ist es aber gelungen, sich nicht in Effekthascherei zu verlieren. Die volle Konzentration steht für das Fahren zur Verfügung, und auch dieses birgt kaum den Hauch von Exotik, was zweifelsfrei von Vorteil ist.

Nah, ganz nah

In punkto Fahrwerk weiss der Staria ebenso zu überzeugen. Die vielzitierte Nähe zu einem PW – beim Koreaner ist sie tatsächlich vorhanden. Das ist kein Wunder: Mit der Vorderachse mit McPherson-Federbeinen und Querlenkern, aber besonders mit der hinteren Fünflenkerachse bietet der Staria in der Tat den technischen Aufwand eines Personenwagens. Dazu ist er moderat abgestimmt. Nicht zu weich, was allzu heftige Aufbaubewegungen im Zaun hält, aber auch nicht zu straff, wie sich manche SUV oder Vans präsentieren, die entweder Sportlichkeit suggerieren oder aber nicht gleich in die Knie gehen sollen, wenn ihre Nutzlast ausgeschöpft werden sollte. Apropos Nutzlast: Angesichts der doch eher moderaten knapp 500 Kilogramm ist es womöglich einfacher, beim Staria einen guten Kompromiss zu finden. Die von uns getestete Variante mit Allradantrieb scheint zudem die richtige Wahl, für den vermuteten Haupteinsatz als Taxi und Hotel-Shuttle ist er damit bestens gerüstet. Das von Hyundai H-Trac genannte System verlangt derweil nach keinerlei Eingriffen seitens des Fahrers, ein Torque-Splitter, eine Lamellenkupplung, verteilt die Antriebskraft dahin, wo am meisten Grip vorhanden ist. Wie gut der Transfer funktioniert, beweist der Staria, wenn es gilt, vollbesetzt an einer Steigung anzufahren. Der vorhin hinterfragte Sport-Modus sorgt auf Wunsch für eine Kraftverteilung von 50 zu 50 Prozent, ansonsten wird die Kraft vorzugsweise an die Vorderachse geleitet.

Wer nun vermutet, dies alles schlage sich entsprechend im Verbrauch nieder, liegt falsch. Im Testbetrieb hat sich der Staria, den wir für vielerlei Transportaufgaben und dazu für Einsätze im Zürcher Stadtverkehr genutzt und geschätzt haben, mit 8.3 Litern Diesel pro 100 Kilometer begnügt. Das bleibt angesichts seines Platzangebots, der Stirnfläche und des Eigengewichts moderat und ist ein Beweis dafür, dass moderne Dieselmotoren zu Unrecht in Verruf geraten sind. Im Gegenteil, der Selbstzünder eignet sich noch immer besonders gut für ein Fahrzeug, das man dank seiner Variabilität im Prinzip überall, auch abseits von Ladenetzwerken, einsetzen kann.

Zum Preis von 66 500 Franken ist der Staria in der von uns getesteten Variante Vertex kein Budgetangebot. Er liegt in etwa im Bereich der Konkurrenten, allerdings lässt die Serienausstattung, zu der insbesondere ein umfassendes Sicherheitspaket gehört, kaum Wünsche offen. Eines der Features in der Spitzenversion ist etwa der Spurwechselassistent mit Videoüberwachung. Sie zeigt beim Blinken auf dem Armaturencluster statt des linken oder rechten Instruments die Sicht nach hinten auf der Abbiegeseite an, was für zusätzliche Übersicht sorgt. Das fügt sich hervorragend zum guten Gesamtbild des Staria. Wie bei Hyundai üblich gibt es auch für den Van eine fünfjährige Werksgarantie ohne Kilometerbegrenzung.

So bleibt am Ende nur noch festzustellen, dass der Hyundai Staria als neuer und auffälliger Vertreter der Gattung Van einen wirklich guten Eindruck hinterlassen hat. Denn trotz seines avantgardistischen Auftritts ist der Staria ausgesprochen praktisch veranlagt.

Testergebnis

Gesamtnote 79/100

Antrieb

Vorderhand steht für den Staria nur der 2.2-Liter-Dieselmotor zur Verfügung. Dieser macht seine Sache wohl ordentlich, aber er will nicht mehr so richtig zum futuristischen Äusseren des Vans passen.

Fahrwerk

Das aufwändige Fahrwerk mit hinterer Mehrlenkerachse sorgt für ein PW-artiges Fahrverhalten. Das Gewicht und der hohe Schwerpunkt machen sich aber bemerkbar.

Innenraum

Viel Platz für Mitreisende und die zwei mittleren Sessel der Extraklasse. Allerdings fehlt es an Variabilität. Das Kofferraumvolumen ist bescheiden.

Sicherheit

Umfassende Assistenzsysteme sind serienmässig an Bord. Gelungen ist die Kamerasicht im Instrumentenpanel bei entsprechend gesetztem Blinker. Beim Bremsen ist das hohe Eigengewicht spürbar.

Budget

Die Ausstattung des Spitzenmodells Vertex lässt kaum Wünsche offen. Stets ein starkes Argument für Hyundai ist die Garantie von fünf Jahren.

Fazit 

Weit konventioneller, als der erste Blick vermuten lässt, ist der Staria als Siebensitzer eher ein gelungenes Businessshuttle denn ein (Gross-)Familienwagen. Die beiden Einzelsitze in der Fahrzeugmitte sind wahre Platzfresser, in der Fahrzeugkategorie allerdings einzigartig. Dennoch: Mehr Auswahl in der Innenraumkonfiguration wäre wünschenswert.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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