Jaguar F-Pace im Test: Tugend des Schnurrens

Forscher meinen, das Schnurren einer Katze beruhige sein Herrchen oder Frauchen. Der fulminante Jaguar F-Pace SVR ist jedoch eher dazu angetan, das Gegenteil zu bewirken.

An der Frankfurter Automesse IAA präsentierte Jaguar 2015 sein erstes SUV, im vergangenen September folgte die erste Modellauffrischung. Für unseren Test wählten wir die stärkste Ausführung des F-Pace, den 2018 nachgeschobenen SVR. Dieser hat mit seinem kompressorunterstützten V8-Motor das Zeug, die Konkurrenz das Fürchten zu lehren, zumindest auf gerader Strecke. Wir erweiterten diesen Test zudem um einen Plug-in-Hybrid, den es im SUV-Angebot von Jaguar bisher noch nicht gab, der aber bereits seit drei Jahren im ­Range Rover Sport seinen Dienst verrichtet. Nun wenden wir uns aber dem SVR zu, der ner­vösen und aufregenden Variante der Reihe.

Der Dragster

Das Aufheulen beim Start lässt keinen Zweifel am Charakter dieser Maschine. Das Brabbeln im Leerlauf identifiziert ihn sofort als potenten Achtzylinder in V-Anordnung. Das Raubtier scheint nur darauf zu lauern, sich auf seine Opfer zu stürzen, sei das nun ein BMW X4 M, ein Mercedes GLC AMG, ein Porsche Macan Turbo oder ein Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio. Für die volle Charakterentfaltung empfehlen wir den Griff zum Schalter für die Wahl der Fahrmodi auf der Mittelkonsole. Im Modus Dynamic atmet der V8 freier, der Auspuff macht Musik, wie man das heute kaum irgendwo noch vorfindet. Die Wildkatze stürmt davon, es gibt kein Halten, weil der Vorwärtsdrang andauert und der Kompressor immer mehr Frischluft liefert. Bei tiefen Drehzahlen klingt die Maschine etwas heiser und erinnert an einen Amerikaner, beim Hochdrehen trompetet sie jedoch in immer spitzeren Tönen. Im Bereich von 6250 bis 6500 U/min bekommt man die volle Wucht der 550 PS zu spüren, aber bereits ab 3500 U/min, wenn das maximale Drehmoment von 700 Nm anfällt, reagiert der Wagen fast gierig auf jede Gaspedalbewegung. In drei Sekunden ist man von 80 auf 120 km/h, der Zwischenspurt wird von einem wohligen Grollen begleitet, das man am besten mit offenen Fenstern geniesst. Die Marketingmanager dichten dem Jaguar F-Pace SVR einen «verführerischen» Sound an und versprechen für einmal nicht zu viel. Das Donnern und Fauchen, begleitet vom höllischen Temperament, stachelt zu ungesetzlichen Taten an. Die Werksangabe ist mit vier Sekunden für den Sprint von 0 auf 100 km/h zu optimistisch, aber was solls, bei diesem Sound dürfte der Beschleunigungsvorgang auch noch länger dauern. Beinahe vergessen wir, dass es noch aggressivere und schärfere Modelle auf dem Markt gibt.

Auf grossem Fuss

Auf der Überholspur schön und gut, Königsdisziplin ist und bleibt aber auch für ein Special Vehicle Operations (SVR) dieser Grösse die kurvenreiche Landstrasse. Hier ist es leider mit den Bestnoten vorbei, denn das beträchtliche Gewicht des Wagens ist im Kurvengeschlängel nicht mehr zu leugnen. Die 2.2 Tonnen machen dem F-Pace SVR zu schaffen, wenn es nicht nur geradeaus geht. Die Entwicklungsingenieure haben die Straffheit der Stossdämpfer gegenüber dem Standardmodell um 30 Prozent vorne und zehn Prozent hinten erhöht, das Fahrverhalten erweist sich dennoch als etwas behäbig. Besonders der Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio spielt hier mit seiner Handlichkeit in ­einer anderen, eigenen Liga.

Was das britische SUV an Dynamik einbüsst, macht es mit seinem Komfort wieder wett. Wir würden nicht von einem Schweben über der Fahrbahn sprechen, aber bei entspanntem Fahren bügeln die Aufhängungen die Strassenunebenheiten doch ganz gut aus. Das Fahrwerk scheint zudem mit steigendem Tempo immer mehr in sein Element zu kommen.

Der fünf Liter grosse V8 und die Achtstufen-­Automatik von ZF sind ein Traumpaar: Die Box hat immer den passenden Gang parat, schaltet fast unmerklich und hält den Motor immer im optimalen Bereich. Zügiges Fortkommen ist eine Freude, an der auch die höchst wirksamen Bremsen mit ihrem Durchmesser von fast 40 Zentimetern ihren Anteil haben. Der Pedalweg ist angenehm kurz, die Bremsleistung gemäss unseren Messungen für dieses Gewicht fast schon überragend.

Schluckspecht

Der F-Pace wird einen guten Teil seines Alltags im Stadtverkehr verbringen. Er kann sich zwar auch mit guten Klettereigenschaften brüsten (er baut auf derselben Plattform wie der Range Rover Velar auf und erhält dessen elektronische Bergabfahrhilfe), muss aber auch auf engem Raum überzeugen. Hier wird seine Breite von fast 2.18 Metern (inkl. Rückspiegel) zum Hindernis. Die Aussenkameras mit 360-Grad-Rundumsicht helfen, die 22-Zoll-Felgen für je 2200 Franken vor Schäden zu bewahren.

Ein anderer hoher Budgetposten betrifft das Benzin. Im gemischten Testbetrieb verzeichneten wir einen Durchschnittsverbrauch von knapp 15 l/100 km. Auf Autobahnfahrten begnügte sich die verführerische Raubkatze wiederum mit akzeptablen neun Litern.

Mehr als Premium

Die Fahrfreude ist eines, aber ein Premium-SUV muss auch mit einem luxuriösen Innern aufwarten können. In diesem Bereich nähert sich der Jaguar F-Pace gar der Perfektion. Konzernchef Thierry Bolloré hatte versprochen, dass die Traditionsmarke wieder höchste Ansprüche erfüllen sollte, und die Anstrengungen werfen Früchte ab. Die Engländer imitieren nicht einfach die Klassenbesten (die Deutschen dominieren die Verkaufszahlen), sie folgen ihrem eigenen Stil und treffen so ziemlich ins Schwarze. Das Auge verharrt an hübschen Formen, die Hände berühren nur noble Oberflächen. Das traditionelle Windsor-Vollnarbenleder in Siena-Beige ist von bester Qualität, auf Sitzkissen und am Dachhimmel findet man schönes Wildleder. Die Fingernagelprobe an den Schaltpaddles erzeugt ein metallisches Geräusch, sie sind aus Aluminium. Kaum ein Detail wurde ausser Acht gelassen, alles summiert sich zu einem Fest des Premiumgefühls, das britische SUV wirkt wie ein nobler Salon. Kritisieren würden wir einzig den Kunststoff auf der Mittelkonsole und die Türgriffe, die schnell Fingerabdrücke und gar Spuren von Abnutzung zeigen. Die Verarbeitung hingegen ist wiederum von bester Qualität, wenn auch vielleicht nicht ganz auf dem Niveau der Prestigemarken. Wir würden empfehlen, nicht zu konservativ zu denken und mutige Farben zu wählen (neben Beige ist auch rotes Leder verfügbar), das kostet keinen Aufpreis und hebt den Charme des Interieurs um eine ganze Stufe an.

Die Vordersitze mit integrierten Kopfstützen sind besonders attraktiv und bieten dank vielfacher Verstellmöglichkeiten einen sehr guten Kompromiss zwischen Stützung und Komfort. Ambiente und Komfort sind auch auf den Rücksitzen von besonderer Güte, einzig die Kopffreiheit ist für diese Klasse etwas knapp bemessen. Die dreigeteilte Rücksitzbank kommt der Variabilität zugute, aber die festen Kopfstützen bedeuten, dass man die Vordersitze unter Umständen verstellen muss, um die Rücksitzlehnen umklappen zu können. Pluspunkte sammelt der Jaguar F-Pace hingegen mit den vielen Ablagemöglichkeiten und gegen Aufpreis gar mit einem gekühlten Handschuhfach, was jede Fahrt zum Genuss macht. Der ebene Gepäckraum bietet ein Fassungsvermögen von 793 bis 1842 Liter, was ein gutes Stück mehr ist als bei der direkten Konkurrenz von Alfa Romeo und Mercedes mit ihren 1600 Litern.

Das hübsche Infotainmentsystem von Jaguar Land Rover hat seine Vorzüge, aber auch seine bekannten Schwächen. Die Bildschirme gefallen mit guter Auflösung, die Reaktivität wiederum könnte besser sein. Die Bedienung der Klimaanlage erscheint zudem nicht ganz intuitiv, die Druckschalter müssen mit Nachdruck betätigt werden. Auch die Fahrhilfen sind nicht über alle Kritik erhaben, der Testwagen überfuhr gelegentlich die Spurmarkierungen, und die Verkehrszeichenerkennung hatte den einen oder anderen Aussetzer. Gestört hat uns ausserdem, dass der Knopf für den adaptiven Tempomaten in der rechten Lenkradspeiche ganz sorgsam gedrückt werden musste, Autobahnfahrten mit häufigem Tempowechsel geraten so zum Geduldsspiel.

Mit der Ausnahme einiger kleiner Details, die der Jaguar mit seinem Charme schnell vergessen macht, hat es der Interessent beim F-Pace mit ­einem SUV zu tun, das dank seines tollen Motors begeistert. Der SVR ist zwar mit einem Preis von 120 000 Franken deutlich teurer als beispielsweise der agilere Alfa Romeo Stelvio Quadrifoglio. Kunden, die nicht in erster Linie Handlichkeit bevorzugen, kommen beim Jaguar F-Pace SVR voll auf ihre Rechnung. Er bietet nicht zuletzt die Chance, sich von den allgegenwärtigen deutschen Premium-SUV abzuheben. Jaguar will mit Sportlichkeit, Luxus und Exklusivität die Herzen gewinnen – und tut dies im Falle des gelungenen F-Pace SVR auch.

Testergebnis F-Pace P550 SVR

Gesamtnote 80.5/100

Antrieb

Der immer seltener werdende Fünfliter-V8 mit Kompressoraufladung hat ein feuriges Temperament und rechtfertigt den Kauf fast allein. Die Kombination mit der Achtgang-Automatik funktioniert wie geschmiert.

Fahrwerk

Mit 550 PS und viel Gewicht wird das Fahrwerk auf die Probe gestellt. Das Kurvenverhalten ist zwar nicht katastrophal, aber einen Tick schlechter als bei der Konkurrenz.

Innenraum

Die Innenraumgestaltung des F-Pace gehört zum Besten auf dem Markt. Sie vereint Charme, edle Materialien und gute Verarbeitung. Das Platzangebot ist üppig, vor allem im Kofferraum, und der Auftritt ist sportlich und schick zugleich.

Sicherheit

Das Bremssystem ist sehr effektiv, was angesichts des Gewichts und der Grösse des Fahrzeugs von Vorteil ist. Die Assistenzsysteme haben ihre Probleme, aber sie funktionieren im Grossen und Ganzen gut.

Budget

Der SVR ist teurer als seine Konkurrenten. Damit nimmt das britische SUV eine Sonderstellung ein und behauptet diese auch.

Fazit 

Der Jaguar F-Pace SVR besticht durch seinen geräumigen und raffinierten Innenraum und seinen starken Charakter. Er eignet sich für alle, die sich von der Masse abheben wollen und die die Schönheit des kompressoraufgeladenen V8 begeistert.


Plug-in-Hybrid nachgeschoben

Die wichtigste Neuheit bei der Auffrischung des Jaguar F-Pace betrifft die Vorstellung einer neuen Plug-in-Version. Der F-Pace P400E Hybrid kombiniert einen 300 PS starken Vierzylindermotor mit einer 143 PS starken Elektromaschine. Der Stromer ist in die Achtstufen–Automatik von ZF integriert. Jaguar nennt eine Systemleistung von 404 PS und ein maximales Drehmoment von 640 Nm. Das britische SUV beschleunigt damit laut Hersteller in 5.3 Sekunden von null auf Tempo 100. Um Platz für die Batterie zu schaffen, haben die Ingenieure den Boden des Laderaums leicht angehoben, was dessen Fassungsvermögen von 793 auf 619 Liter reduziert. Die grössere Beeinträchtigung ist aber vielleicht die Tatsache, dass der Gepäckraum damit nicht mehr ganz eben ist. Immerhin führen diese Kompromisse zu einer recht ansehnlichen Batteriekapazität von 17.1 kWh, von denen 13.8 kWh nutzbar sind. Das allradgetriebene Hybrid-SUV schafft gemäss WLTP eine rein elektrische Reichweite von 53 Kilometern. Auf unserer AR-Normrunde ermittelten wir einen erfreulichen Verbrauch von 7.6 l/100 km. Die grosse Stärke des Plug-in-Hybrids liegt darin, dass der Verbrennungsmotor kaum je seine letzten Reserven mobilisieren muss, der Elektromotor bietet immer genügend Schub, um den Koloss in Schwung zu halten. Die gleichmässige Kraftabgabe hat aber auch ihre Schattenseite: Trotz seiner 404 PS wirkt der Antriebsstrang im Jaguar F-Pace P400E Hybrid etwas fade (vor allem natürlich im direkten Vergleich mit dem ausgiebig beschriebenen SVR). Andererseits liegt es natürlich auch nicht unbedingt in der Natur der ehrwürdigen Marke aus dem englischen Coventry, mit ihren Produkten zu protzen.

Testergebnis F-Pace P400E PHEV

Gesamtnote 75/100

Antrieb

Der Antriebsstrang, der den 300 PS starken Vierzylindermotor mit ­einem elektrisch gesteuerten Getriebe kombiniert, funktioniert leichtgängig und flüssig, überzeugt mit sanften und komfortablen Gangwechseln, wirkt aber auch etwas träge.

Fahrwerk

Als echter Jaguar ist der P400E vor allem komfortabel. Ob auf der ­Autobahn oder auf der Landstrasse, das britische SUV erweist sich stets als souverän. Es ist jedoch weniger sportlich.

Innenraum

Das lederverkleidete Interieur des F-Pace ist eine Ode an die britische Handwerkskunst. Dank der guten Verarbeitung kann er sich sogar rühmen, seine deutschen Konkurrenten zu übertreffen.

Sicherheit

Das britische SUV verfügt serienmässig über alles, was das Herz begehrt. Teilweise dürften die Assistenten etwas souveräner agieren.

Budget

Mindestens 72 490 Franken werden für das umweltfreundlichere und gut verarbeitete SUV verlangt. Natürlich kann der Preis rasant steigen, wie der Testwagen für 113 240 Franken beweist.

Fazit 

Der F-Pace zeichnet sich vor allem durch seinen hohen Komfort aus. Der P400E treibt dies auf die Spitze, indem er den SUV in der Stille ­seiner elektrischen Maschine fahren lässt. Die Kombination überzeugt, nur sportlich ist sie entgegen der Leistungsdaten nicht.

Die technischen Daten und unsere Testdaten zu diesen Modellen finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REUVE

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