INTERVIEW TIAGO MONTEIRO: „2016 WAR TROTZDEM MEINE BESTE SAISON“

Der 40-jährige Portugiese Tiago Monteiro schloss die Tourenwagen-WM 2016 (WTCC) im Honda auf dem dritten Rang ab und spricht über die kommende, neue Saison, in der vieles anders sein wird.

Der seit zehn Jahren in der Tourenwagen-WM (WTCC) engagierte Tiago Monteiro gehört zu den prominentesten Vertretern der Serie. Der Portugiese spricht über die neue Saison. Dies vor dem Hintergrund der Neuorganisation, des Rückzugs der Werksteams von Citroën und Lada, des Rücktritts von Yvan Muller und der Einführung der neuen Klasse WTCC-2.

Tiago Monteiro, welche Bilanz ziehen Sie im Rückblick auf die Saison 2016?

Es war ein gutes Jahr, aber wir hatten auch Tiefs. Es fing alles gut an mit Podesträngen in Frankreich und in der Slowakei. Dann musste ich imTeam meine Position bestätigen. Die Dynamik der Zusammenarbeit schlug nach dem Weggang von Gabriele Tarquini, mit dem ich neun Jahre zusammenarbeitete, sowie dem Einstieg von Robert Huff (Weltmeister 2012) und Norbert Michelisz merklich um.

Es folgte ein Dämpfer?

Ja, leider verringerten sich meine Titel-Chancen nach der Disqualifikation in Marokko und meinem Unfall in Deutschland. Ich musste meine Ziele danach revidieren und mich dann darauf konzentrieren, die WM auf einem Podiumsplatz zu beenden.

Wie ging es dann weiter?

Die Läufe in China gingen für uns ebenfalls nicht gut aus, sodass schliesslich alles vom letzten Wochenende in Katar abhing. Nach einem katastrophalen ersten Lauf mit einem «Abflieger» dachte ich, es sei alles verloren. Dank meinen Mechanikern konnte ich jedoch im Hauptrennen antreten. Wir haben alles gegeben und konnten Druck auf Yvan Muller machen, der dann in der letzten Runde prompt schnitzerte.  2016 war eindeutig meine beste Saison in der WTCC – von der Leistung und von den persönlichen Beziehungen her. Es war mir wichtig, mich auch im Team gegen meine Kollegen durchzusetzen.

Was ist Ihr Ziel für 2017?

Es gibt viele unbekannte Faktoren im Hinblick auf die Saison 2017. Wir wollen natürlich den WM-Titel gewinnen. Aber selbst nach dem Rücktritt des Teams Ci-troën setzen die Private den C-Elysée weiter ein. Er ist für uns das Auto, das es zu schlagen gilt. Wir müssen alles daran setzen, unseren Leistungsrückstand, der zuletzt eine bis eineinhalb Sekunden pro Runde betrug, wettzumachen.

Wie wollen Sie das anstellen?

Wir haben einige aerodynamische Änderungen an unserem Honda Civic vorgenommen; dennoch bleibt die Herausforderung gross und der Weg steinig. Volvo schläft auch nicht, sondern setzt sogar ein drittes Auto ein. Die Schweden haben den besten Motor und das Team lernt sehr schnell. Dazu sind die Piloten erste Klasse. Kommt hinzu, dass Robert Huff von uns weggeht und wohl in einen Citroën wechselt. Bei SLR (Sébastien Loeb Racing) hat Mehdi Bennani 2016 tolle Ergebnisse erzielt, er wird auch ein harter Gegner sein. Wir können uns nicht ausruhen. Die Saisonvorbereitungen werden so intensiv sein, wie seit 2012 nicht mehr.

Was halten Sie von der neuen WTCC-2?

Eine gute Sache, auch wenn deren Entstehung auf nicht Gutem beruht – ein kleineres Starterfeld, bedingt durch den Rücktritt von Citroën und Lada nämlich. Das Konzept ist aber toll, aber es hätte früher eingeführt werden sollen. Allein, damit neue Piloten mit geringeren Budgets Erfahrungen hätten sammeln können, ehe sie allenfalls in die WTCC aufstiegen.

Macht die WTCC nicht der TCR Konkurrenz?

In bestimmter Weise, ja. Letztlich hängt es  aber davon ab, wohin die Rennfahrer und deren Sponsoren wollen. Man muss sich die Frage stellen, was mehr Sinn macht? Sich in einer unteren Klasse der WTCC zu engagieren, die zur FIA-WM zählt und von internationalen Fernsehübertragungen dank Eurosport profitiert oder in der kostengünstigeren TCR mitzufahren.

Wie sehen Sie das?

Für unsere Serie wäre es ideal, wenn die TCR-Fahrer über die WTCC-2 bei uns einsteigen würden. Aber die Karrierewege der Piloten hängen immer mehr von den vorhandenen Budgets und von den sich bietenden Chancen ab. Es ist heute selten, dass die Fahrer den klassischen Weg wie früher – also via Karting und kleineren Formel-Rennen in die «Königsdisziplin» Formel 1 – gehen.

Sprechen wir von Ihrer Karriere. Un-typisch scheint da die passendste Bezeichnung zu sein.

Das ist wahr. Es gab so gut wie nichts, das mich für die Autorennen vorbestimmt hätte. Das war für mich undenkbar. Mein Vater war ein Autonarr und fuhr Rallyes, als ich klein war. Das hat mich aber nie inte-ressiert. Meine Hobbys waren damals Motorradfahren und Surfen und mein beruflicher Werdegang zeigte in Richtung Hotelgewerbe, in der meine Familie tätig war und ist. Ich habe übrigens drei Jahre lang in der Schweiz in Glion Hotelverwaltung gelernt.

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Wie gings dann los?

Mein Vater stieg als Amateur wieder in den Autorennsport ein und ich hatte die Gelegenheit, einen Porsche 911 RS zu fahren. Das war der Augenblick, als ich mich von dem Virus anstecken liess. Es folgte eine Kette von Rennen und Momenten und Glücksfällen, die mich zunächst zum Porsche Cup führten, wo ich für einen Gentleman Driver einspringen durfte. Danach kam eine ganze Saison im Porsche Cup, während der ich jedes Rennen mit der Hilfe von Bekannten und Familie einzeln finanzieren musste. Am Schluss konnte ich aber den Titel gewinnen. Das war 1997.

Und dann?

Anschliessend konnte ich Testfahrten in der Formel Ford und Formel 3 absolvieren. Es war sehr schwierig, weil ich in jeder Disziplin mehr lernen musste als die Konkurrenten. Renault gab mir dann einen Vertrag für drei Jahre und ich fuhr in der Formel 3000 mit Leuten wie Sébastien Bourdais. Ich kannte die Strecken nicht und kämpfte mit dem Auto; es war ein Alptraum. 2002 nahm ich mit Renault dann an Testfahrten in der Formel 1 teil, sie suchten Versuchsfahrer. Sie haben mich jedoch nicht gewählt und so ging ich 2003 zu den Champ Cars in die USA, wo sie zwei Budget für europäische Fahrer hatten. Ich fuhr für Fittipaldi.

Und wie war es da?

Die Stimmung war top, ich lebte in Miami, was eine super Erfahrung für mich war. Fittipaldi ging jedoch bankrott und ich kam nach Europa zum Team Carlin Motorsport in der World Series zurück. Ich war im Team mit Kovalainen, der den Titel holte, und wurde Zweiter. Carlin wurde dann zur Rettung von Jordan in die Formel 1 abberufen. Eine goldene Gelegenheit. Wir mussten das Geld auftreiben und ich habe bei den portugiesischen Politikern vorgesprochen und ihnen erklärt, dass Einsätze in der Formel 1  von Landesinteresse seien. Das hat zu einigen Escudo gereicht, die uns den Start in der Formel 1 ermöglichten.

Was bedeutet Ihnen mehr: Rang 3 in der Formel 1 2005 in Indianapolis oder der dritter WM-Rang in der WTCC 2016?

Eindeutig der dritte Rang in der WTCC-Meisterschaft. Der Podiumsplatz in Indianapolis hat meiner Karriere einen Riesenschub verliehen und öffnete mir viele Türen zu Sponsoren und Partnern, keine Frage. Meine Anfänge in der WTCC gehen wahrscheinlich auch auf diese Leistung zurück, denn die Anfrage zum Wechsel kam gerade, als ich kein Cockpit mehr in der Formel 1 bekam.

Wenn Sie heute an dieses Rennen in Indianapolis zurückdenken – was geht Ihnen durch den Kopf?

Neben dem dritten Platz war dieser Grand Prix der USA überhaupt mein schönstes Rennen in der Formel 1. Ich konnte den Konkurrenten, mit denen ich mich den Rest der Saison herumgeschlagen habe, für einmal vor der Nase herumfahren. Der dritte Schlussrang in der WTCC ist jedoch das Resultat eines ganzen Jahres harter Arbeit mit den Ingenieuren, den Mechanikern und allen anderen Teammitgliedern. Ein Jahr mit Höhen und Tiefen, durch die wir gemeinsam gehen mussten. Das ist mir sehr wertvoll.

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