Dünenmonster

Dass der Ford Ranger Raptor fahrwerkstechnisch das ­ultimative Spassmobil für Offroadtrips ist, überrascht nicht. Mit dem V6-Benziner hat er jetzt auch einen passenden Motor.

Der Ford Ranger, der kleine Bruder des F-150, ist auch in Europa ein echter Bestseller. Seit 2018 wird er auch erfolgreich in einer sportlichen Variante namens Raptor angeboten. Insbesondere beim Fahrwerk hat die Performanceabteilung von Ford einen hervorragenden Job gemacht. Sie hat nicht nur das Chassis verstärkt, sondern auch neue Aufhängungen entwickelt. In der ersten Generation allerdings gab es noch ein Problem, der Vierzylinder-Dieselmotor tat sich sehr schwer, auch nur ­einen an Hauch Emotionen zu vermitteln. Dieses Manko hat Ford nun beseitigt und setzt auf einen neuen V6-Benziner mit drei Litern Hubraum und Biturbo. Mit einer Leistung von 215 kW (292 PS) und einem Drehmoment von 492 Nm soll er dem Modell die bisher fehlende Seele verleihen.

Verstärktes Leiterrahmenchassis

Wie sein Vorgänger profitiert auch die zweite Generation des Raptor von einem Leiterrahmenchassis, das an den neuralgischen Punkten verstärkt wurde. Zum Beispiel wurden die Längstraversen bis zur B-Säule verstärkt und die vier Stossdämpferaufnahmen robuster ausgestaltet, um härtere Schläge schadlos zu verkraften. Dass sich der Ranger Raptor auch schwierigen Geländeverhältnissen stellen kann, beweist Ford an verschiedenen Punkten im Auto. So besteht der Unterfahrschutz aus einer 2.3 Millimeter dicken Platte aus hochfestem Stahl. An der Vorderachse kommen doppelte Dreiecksquerlenker zum Einsatz, hinten eine bewährte Starrachse mit Längslenkern und Watt-Gestänge. Federn und Dämpfer stammen von Zulieferer Fox und sind in der Härte einstellbar (Normal, Sport und Offroad). Ebenfalls einstellbar ist die Abgasanlage. Ford hat aus dem akustisch verhaltenen Vorgänger die Lehren gezogen und spendiert dem neuen Raptor gleich vier Sound-Modi: Silent, Normal, Sport und Baja. Zusätzlich gibt es noch die allgemeinen Fahrmodi, die eine Vielzahl von Elementen wie Motor, Getriebe, ABS, ESP und Lenkung anpassen. Hier stehen sieben Profile zur Auswahl, drei davon für die Strasse (Normal, Sport und Wet) und vier für das Gelände (Rock Crawl, Sand, Mud und Baja). Falls noch jemand Zweifel hatte: Ja, der Ranger Raptor ist ein grosses Spielzeug für grosse Kinder.

Mit einer Länge von 5.4 Metern und einer Breite von zwei Metern fällt der Pick-up auf den Schweizer Strassen definitiv auf, besonders in der nicht eben dezenten Lackierung unseres Testwagens. Die grosse Bodenfreiheit und der lange Federweg machen den Einstieg nicht ganz leicht, befindet sich doch die Sitzfläche ganze 80 Zentimeter über dem Boden. Ein Trittbrett ermöglicht glücklicherweise das Einsteigen in zwei Schritten. Während die Innenräume von Pick-ups normalerweise ihre Nutzfahrzeugherkunft verraten, trifft dies beim Raptor nicht zu. Zwar besteht der obere Teil des Armaturenbretts auch aus hartem Kunststoff, der Rest aber, der direkt im Blickfeld liegt, ist mit Kunstleder bezogen. Dies sorgt für ­eine ansprechende Optik und findet sich auch im oberen Teil der Türverkleidungen wieder. Die bequemen Sitze haben einen sportlichen Stil, sind mit Leder und Alcantara bezogen und weisen hier und da kleine orangefarbene Akzente auf. Diese Farbe findet sich auch an anderen Stellen im Innenraum wieder, beispielsweise am mit Leder bezogenen und abgesteppten Lenkrad.

Besser abseits der Strasse

Das Infotainmentsystem besteht aus einem grossen, vertikal angeordneten Display, wie man es bereits aus dem Mustang Mach-E oder dem normalen Ranger kennt. Die Menüs sind klar und einfach strukturiert, die Klimaanlage verfügt über physische Tasten. Da der Raptor nicht nur als Lifestyle­auto, sondern auch als Nutzfahrzeug dienen soll und auch kann, bietet er zahlreiche Ablagefächer wie zum Beispiel zwei Handschuhfächer. Auch gibt es am Dachhimmel sechs vorinstallierte Schalter für die Steuerung verschiedener Zusatzausstattungen wie eine Arbeitsbeleuchtung oder eine Seilwinde. Und an der Rückbank gibt es eine 230-Volt-­Steckdose mit bis zu 400 Watt Leistung. Die Beinfreiheit für die Passagiere auf hinteren Sitzen ist ausreichend. Die Ladefläche ist zwar gross, kann aber – anders als viele konkurrierende Pick-ups – keine Tonne Zuladung transportieren. Trotz seines hohen Gewichts von 2.4 Tonnen ist der Raptor auf der Strasse relativ angenehm zu fahren. Sein neuer V6 ermöglicht eine sportliche Beschleunigung. Beim Gasgeben werden die hinteren Stossdämpfer härter gestellt, was ein Aufbäumen des Fahrzeugs verhindert.

Allerdings fällt das Urteil über das zehnstufige Automatikgetriebe weniger positiv aus. Obwohl es sich als effizient erwiest und den Benzinverbrauch  dank der engen Abstufung wohl noch etwas drücken kann, erweisen sich die häufigen Schaltvorgänge als störend. Ein weiterer Mangel ist die Traktion. Während sie auf trockener Strasse noch akzeptabel ist, wirds auf nasser Fahrbahn sehr riskant, da das Fahrzeug im Kreisverkehr zum Ausbrechen neigt, selbst bei moderater Geschwindigkeit. Die grobstolligen Reifen (BF Goodrich All-Terrain) sind für solche Bedingungen schlicht nicht geeignet. Um ein zu starkes Durchdrehen der Räder zu vermeiden, kann der automatische 4×4-Modus gewählt werden, mit dem der Motor Drehmoment auch an die Vorderräder überträgt.

Begrenzter Rampenwinkel

Dieser Modus wird über einen Knopf an der Mittelkonsole aktiviert. Dem Fahrer stehen vier Optionen zur Auswahl: 4×2, permanenter 4×4 mit langer Übersetzung, permanenter 4×4 mit kurzer Übersetzung und automatischer 4×4. Der Modus mit kurzer Übersetzung ist natürlich für das Geländefahren reserviert – eine Übung, in der der Raptor brilliert. Egal ob Felsen oder Steigungen, nichts kann ihn aufhalten. Tatsächlich liegt seine grösste Schwäche in diesem Bereich möglicherweise im Rampenwinkel, der nur 24 Grad beträgt, der Land Rover Defender beispielsweise schafft 28 Grad. Das ist eine Folge des mit 3.27 Metern relativ langen Radstandes, aber dieses Problem haben die meisten Pick-ups. Doch abgesehen davon ermöglichen der lange Federweg und die Möglichkeit, die Vorder- und Hinterachsdifferenziale zu sperren, das Befahren nahezu aller Geländearten. Doch zweifellos beeindruckt der Raptor am meisten im Baja-Modus, in dem sich der Pick-up in ­einen wahren Dünen-Buggy verwandelt.

Der in Thailand gebaute Ranger Raptor ist ab 74 010 Franken erhältlich. Das ist ein hoher Preis, für ein zugegebenermassen aber praktisch konkurrenzloses Auto. Dazu kommt noch der Benzinpreis. Der grösste Vorteil des neuen Raptors, nämlich sein ausgezeichneter V6, ist auch sein grösstes Manko: Er verbraucht 13.8 l/100 km nach dem WLTP-Standard! Man möchte sich gar nicht vorstellen, wie hoch der Verbrauch mit Vollbeladung und montiertem Dachzelt wird … Und ein solches sollte dieser Pick-up sehr oft mitführen, schliesslich ist das Fahrzeug in erster Linie für Roadtrips in der Wildnis konzipiert. 

Testergebnis

Gesamtnote 80/100

Antrieb

Mit seinem neuen 292 PS starken V6-Motor beseitigt der Ford Ranger Raptor der zweiten Generation den Hauptnachteil seines Vorgängers, der nur als Diesel angeboten wurde.

Fahrwerk

Chassis und Fahrwerk sind robust und können alles bewältigen. Allerdings haben die Reifen etwas Schwierigkeiten, die Leistung auf den ­Boden zu übertragen.

Innenraum

Ein intuitiv zu bedienendes Infotainment und eine ansprechende Verarbeitung zeichnen den Raptor aus. Allerdings ist die Zuladung begrenzt.

Sicherheit

Der Raptor bietet nicht nur Fahrhilfen, sondern auch spezielle Modi für jede Umgebung. Die Reifen sind aber auf der Strasse problematisch, der Bremsweg ist lang und die Haftung an der Hinterachse schlecht.

Budget

Der Raptor kann sich den Luxus leisten, teuer zu sein, da er auf dem Markt keine Konkurrenz hat.

Fazit 

Der Ford Ranger Raptor ist mehr als nur ein vielseitiges Nutzfahrzeug. Er ist ein echter Wüstenrennwagen, der über die Dünen fliegen kann. Mit seiner hochwertigen Verarbeitung und intelligentem Design ist er ein einzigartiges Fahrzeug im Pick-up-Segment. Hierzulande wird er aber (leider) wohl allzu oft nur Lifestyle- und Statussymbol bleiben.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

Kommentieren Sie den Artikel

Bitte geben Sie Ihren Kommentar ein!
Bitte geben Sie hier Ihren Namen ein

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.