Swiss Miniature

Der Microlino wurde in der Schweiz ­entworfen und entwickelt, gebaut wird er in Italien. Mit seinen Qualitäten will er den Markt aufmischen. Hat er eine Chance?

Die Geschichte des Microlino ist lang und voller Rückschläge. Aber die Brüder Merlin und Oliver Ouboter haben nie aufgegeben und schliesslich ein Auto präsentiert, das nur noch wenig mit dem Konzept zu tun hat, das 2016 auf dem Genfer Autosalon vorgestellt wurde.

Der getestete Serien-Microlino verzichtet auf die Rohrplattform, auf der das Urmodell basierte, zugunsten eines Rahmens, der aus im Tiefziehverfahren hergestellten Stahlteilen besteht. Die Karosserie ist nun aus Stahl und Aluminium gefertigt und nicht mehr aus Kunststoff. Nur die vorderen und hinteren Stossstangen bestehen noch aus diesem Material. Die Ouboter-Familie, unterstützt vom technischen Direktor Peter Müller, einem ehemaligen Porsche- und BMW-Mitarbeiter, hat auch das Fahrwerk überarbeitet und Einzelradaufhängungen nicht nur an der Vorder-, sondern auch an der Hinterachse eingebaut. Ebenfalls völlig neu ist der Elektromotor, der sich nicht mehr auf der Hinterachse, sondern in der Mitte der Plattform befindet. Mit einer Leistung von 12.5 kW (17 PS) und einem Drehmoment von 118 Nm ermöglicht der Antrieb eine Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h und eine Beschleunigung von 0 auf 50 km/h in fünf Sekunden. 

Wie bei grossen Elektroautos ist auch beim Microlino die Batterie in der Mitte des Fahrgestells angeordnet. Die Lithium-Ionen-Batterie wird in drei Grössen angeboten. Als Einstiegsmodell bietet sie mit 6 kWh eine theoretische Reichweite von 91 Kilometern. Fürs Laden muss man weder zur Ladesäule noch an die Wallbox. Für das kleine Onboard-Ladegerät reicht auch eine Haushaltsteckdose. Mit einer maximalen Leistung von 1.35 kW lädt es die Batterie innerhalb von vier Stunden von 0 auf 80 Prozent auf. Im mittleren Preissegment bietet die Version mit 10.5 kWh eine theoretische Reichweite von 177 Kilometern. Sie lässt sich mit einer Leistung von 2.6 kW in drei Stunden auf 80 Prozent aufladen, nach vier Stunden ist sie randvoll. Diese Version stellte sich hier dem Test. Als Topversion gibt es den Akku mit 14 kWh, der eine Reichweite von 230 Kilometern bietet und ebenfalls mit 2.6 kW aufgeladen wird. Das bedeutet ­eine Wartezeit von rund fünfeinhalb Stunden, wenn die Batterie ganz leer war und komplett geladen werden muss.

Starke Leistung

Der Microlino hat nicht nur ein sympathisches Gesicht, sondern macht auch einen sehr robusten Eindruck. Wenn man sich unter den Unterboden beugt, auf die Karosserie klopft oder die Tür schliesst, vermittelt das Auto einen echten Qualitätseindruck, der weit über das hinausgeht, was die Konkurrenz zu bieten hat. Die grosse Vordertür, durch die man in den Innenraum gelangt, öffnet sich auf Druck eines kleinen elektrischen Knopfes an der rechten Seite des Autos. Ein Zylinder schiebt sie zurück und hält sie im Öffnungsanschlag, während man einsteigt. Das ist auch für grosse Menschen problemlos möglich, auch wenn sie sich ein wenig verdrehen müssen, um sich hinter das Lenkrad einzufädeln. Sobald sie auf der Sitzbank Platz genommen haben, reicht es, die Tür sachte heranzuziehen, kleineren Menschen hilft dabei ein Griff aus Kunstleder, damit sie nicht aufstehen müssen. Die Tür leicht anzulehnen reicht, denn die elektrische Schliesshilfe (Softclose) erledigt den Rest und zieht die imposante Tür sanft ins Schloss – heftiges Zuschlagen überflüssig. Will man wieder hinaus, entriegelt man sie über einen kleinen Schalter, der hinter der durchgehenden Metallstange auf der Türinnenseite verborgen ist.

Der Innenraum ist nicht so hochwertig, wie es das Äussere des Microlino verspricht. So könnten die Seitenverkleidungen links und rechts mehr Sorgfalt bei der Gestaltung verdienen, und auch die Kunststoffteile, mit denen die beiden A-Säulen verkleidet sind, verdienten etwas mehr Liebe bei der Montage. Unter dem Strich ist das nicht tragisch, die Mängel werden durch die Helligkeit ausgeglichen, die an Bord herrscht, vor allem wenn das Stoffdach geöffnet ist, was – ganz wörtlich – im Handumdrehen geschieht.

Das Dreispeichenlenkrad, das an die Welt der Gokarts erinnert, verleiht dem Ganzen einen willkommenen Hauch von Sportlichkeit. Leider ist es weder in der Höhe noch in der Tiefe verstellbar. Das ist nicht nur für die Sitzposition ärgerlich – grosse Menschen haben das Lenkrad auf den ­Knien –, sondern auch für den Blick auf das digitale Kombiinstrument, der Lenkradkranz verdeckt wichtige Informationen wie die Prozentangabe der verbleibenden Batteriekapazität. Obwohl der Monitor alle notwendigen Informationen über zwei konfigurierbare Anzeigen liefert, wirkt er nicht sehr hochwertig. Einerseits, weil er matt und aus einfachem Kunststoff gefertigt ist, andererseits auch, weil er nicht fix an der Lenksäule befestigt ist. Auf beiden Seiten des Lenkrads befinden sich zwei Schalter, mit denen man die Scheinwerfer, die Blinker oder den einzigen Scheibenwischer einschalten kann. Diese Anordnung ist problematisch, da die Passagiere dazu neigen, den rechten Schalter zu betätigen, wenn sie im Fahrgastraum Platz nehmen. Und schon setzt sich beim Anfahren der grosse Scheibenwischer in Gang.

Einfache Lösungen

Der wenige Quadratzentimeter grosse Infotainmentbildschirm ist auf ein Minimum reduziert. Er zeigt Informationen auf sieben verschiedenen Registerkarten an. Ein integriertes Audiosystem gibt es nicht, stattdessen eine tragbare Box mit dem Namen Micro. Diese Soundanlage, bestens geeignet auch für Party oder Park, dürfte das junge und trendige Publikum begeistern, das der Microlino ansprechen soll. Das Auto hat natürlich keine Klimaanlage, dafür aber eine Heizung und drei Belüftungsstufen. Das muss für die Frontscheibe reichen. Die Heckscheibe wird mithilfe einer elektrischen Heizung enteist oder beschlagfrei gemacht. Die Lüftungsdüsen befinden sich in der Vordertür – ein weiterer Beweis für die hohe mechanische Komplexität dieser Tür. Eine weitere Möglichkeit, den Innenraum zu belüften, bieten die beiden Schiebefenster und das bereits erwähnte Schiebedach.

Die feste Sitzbank bietet zwar keinen guten Seitenhalt, aber sie ermöglicht eine gewisse Flexibilität des kleinen Innenraums, da sie sich um etwa zehn Zentimeter verschieben lässt. Die Ablagefächer sind hinter elastischen Bändern verborgen. Der Kofferraum hat keine physischen Öffnungsknöpfe, sondern wird entweder über die Fernbedienung oder über eine der Tasten des Infotainmentsystems geöffnet. Dafür hat er aber ein beachtliches Volumen von 230 Litern. Das ist eine echte Leistung für ein Auto, dessen Gesamtlänge kleiner ist als der Radstand eines VW Golf – was es zum Beispiel ermöglicht, quer zum Bordstein zu parkieren und direkt aufs Trottoir auszusteigen. Der Microlino ist also geräumig genug, um grosse Einkäufe zu erledigen. Zwar liegt die Ladekante des Kofferraums mit 82 Zentimetern recht hoch, sodass man die Waren anheben muss, bevor man sich bücken kann. Aber der Kofferraum ist durch die grosse Heckklappe gut zugänglich.

Auf der Strasse

Es ist schwierig, am Steuer des Microlino unbemerkt zu bleiben. Das Auto ist nicht nur niedlich und sympathisch, sondern auch selten, da es derzeit nicht mehr als 300 Fahrzeuge auf den Schweizer Strassen gibt. Der Microlino ist ein Auto, in dem man sehr viel Spass hat. Und das aus gutem Grund: Er ist ein verspielter kleiner Floh, der agil gesteuert und gefahren wird. 

Dank seines niedrigen Schwerpunkts lässt sich das Auto problemlos durch den Verkehr bewegen. Das geringe Gewicht von 513 Kilogramm, die straffe Aufhängung und die vergrösserte hintere Spurweite (im Vergleich zum Prototyp von 2016) verleihen ihm eine erstaunliche Agilität, und er wuselt nur so durch den Stadtverkehr. Auf seinen winzigen 13-Zoll-Rädern und 145 Millimeter breiten Reifen überträgt das Auto allerdings jede noch so kleine Unebenheit des Asphalts. Die Fahrqualitäten legen damit auch die grossen Schwächen des Microlino gnadenlos offen: Es gibt keinen oder kaum Komfort, und die Sitzbank bietet keinen Seitenhalt. Ein weiteres Manko ist, dass der Beifahrer aufpassen muss, wo er seine Füsse hinsetzt, sonst kann es passieren, dass er aus Versehen das Gaspedal durchtritt – so geschehen bei unserer Testfahrt. Eine Trennwand für die Füsse von Fahrer und Beifahrer wäre wünschenswert.

Auf der Autobahn bei 90 km/h, der Höchstgeschwindigkeit des Microlino, wenn es nicht gerade bergauf geht, gibt es neben dem schrillen Geräusch des Getriebes ein Pfeifen, das wahrscheinlich von den Zwischenräumen der Fenster herrührt. Das ist laut und auf Dauer anstrengend, verleiht dem Elektroauto aber einen gewissen Charme.

Die Menge an Energie, die das Auto beim Abbremsen zurückgewinnt, ist immer gleich, da das Bremspedal von der Steuerung der regenerativen Bremsung völlig unabhängig ist. Dies hat zwar den Nachteil, dass die Menge der zurückgewonnenen Energie geringer ist, aber zumindest den Vorteil, dass die Bremsqualität sehr gut ist und man sie leicht spüren kann, vielleicht auch, weil sie nicht hydraulisch unterstützt wird. Auch ohne Zahnstangenunterstützung bietet der Microlino ein ausgezeichnetes Lenkgefühl. Trotz des Fehlens von ABS, Airbag oder ESP (oder überhaupt eines Assistenzsystems) hat sich der Microlino nie gefährlich angefühlt. Der Fahrmodus Sport, der durch eine Raute auf dem Gangwahlrad dargestellt wird, funktioniert nicht immer gleichmässig. In den Bergen zum Beispiel schaltet er sich nach einigen kurzen Minuten intensiver Nutzung aus. In der Stadt hingegen, wo der Microlino manchmal Zeit zum Schnaufen hat, kann er länger eingeschaltet bleiben. Aber unbedingt nötig ist der Sport-Modus dank der Agilität des Microlino nicht.

Der Microlino wird von der italienischen Firma Cecomp mit Sitz in La Loggia bei Turin hergestellt und von der Amag vertrieben. Der Verkaufspreis von 17 990 Franken verfehlt die Marke von 13 500 Franken, die die Brüder Ouboter bei der Vorstellung des Konzepts versprochen hatten, deutlich. Allerdings war zu diesem Zeitpunkt noch nicht absehbar, wie steil die Marktpreise für Neuwagen in die Höhe schiessen würden. Der Gegenwert fürs Geld in Form von Stil und Verarbeitungsqualität lässt sich ausserdem sehen. 

«Wir produzieren 10 Autos pro Tag, im Juli wollen wir auf 20 erhöhen»

Oliver und Merlin Ouboter sind die beiden jungen Schweizer, die das Microlino-Projekt mit vollem Einsatz vorantreiben. Ihr Vater Merlin Ouboter ist der Erfinder des Microscooters. Merlin jun. berichtet über den aktuellen Stand der Dinge.

AUTOMOBIL REVUE: Entspricht der Verkauf von Microlino Ihren Erwartungen?

Merlin Ouboter: Ja, wir sind mit der Nachfrage nach dem Microlino absolut zufrieden. Derzeit richten wir uns direkt an Verbraucher, aber wir planen, eine Leasingoption anzubieten, auf die viele Kunden gewartet haben. Der nächste Schritt wird sein, mit der Einführung der Standardausstattungen Dolce und Competizione, die im Juli auf den Markt kommen, auch Flottenkunden anzusprechen.

Sind Ihre Kunden zufrieden?

In der Schweiz haben wir bereits 300 Microlino an Kunden ausgeliefert und viele sehr positive Rückmeldungen erhalten. Am Anfang haben uns die ersten Kunden geholfen, die Qualität des Autos zu verbessern. Wir nehmen ihre Meinung sehr ernst, zumal diese ersten Kunden für uns echte Botschafter des Produkts sind. Einer von ihnen hat bereits eine Veranstaltung für Hausbesitzer geplant. Sie wird im nächsten Monat stattfinden.

In wie vielen Ländern sind Sie tätig?

Wir sind derzeit in der Schweiz und in Belgien tätig. In Deutschland haben wir im Rahmen eines Pilotprojekts die ersten Microlino an Kunden in München ausgeliefert. Nächste Woche werden wir das Gebiet ausweiten, wir planen, die zehn grössten Städte Deutschlands abzudecken. Weitere Märkte wie Italien, Spanien und Griechenland stehen in den kommenden Monaten vor der Einführung, gefolgt von Frankreich, den Niederlanden, Österreich, Portugal und den nordischen Ländern.

Wie viele Fahrzeuge haben Sie bisher verkauft? Wo verkaufen sie sich besonders gut?

Wir haben die ersten 750 Autos produziert, davon wurden 300 in der Schweiz verkauft. Der Rest ist zwischen Deutschland und Belgien aufgeteilt, abgesehen von den Fahrzeugen, die sich zu Marketingzwecken in verschiedenen Ländern befinden.

Was sind Ihre kurz- und mittelfristigen Pläne und Herausforderungen?

Unsere grösste Herausforderung besteht darin, unsere Produktionskapazität zu erhöhen. Derzeit produzieren wir zehn Autos pro Tag, im Juli wollen wir auf 20 Autos erhöhen. Ausserdem unterstützen wir die Markteinführung in den verschiedenen Ländern und suchen nach neuen Vertriebspartnern, um diese abzudecken. Eine Herausforderung, mit der wir in vielen Ländern konfrontiert sind, ist, dass die Kategorie L7e, zu der der Microlino gehört, nicht subventioniert wird. Wir werden beispielsweise nicht bei der Berechnung der Flottenemissionen berücksichtigt und können daher nicht vom Verkauf eines reinen Elektroautos profitieren wie andere EV-Hersteller wie Tesla. Dies ist ein Thema, das wir auf politischer Ebene und in den Medien ansprechen, da es den Markt zu unseren Ungunsten verzerrt.

Das Microlino-Abenteuer der Ouboter-Brüder Merlin (l.) und Oliver ist in vollem Gang.

Testergebnis

Gesamtnote 65.5/100

Antrieb

Die Leistung mag niedrig erscheinen, doch in der Stadt reicht sie völlig aus. An Steigungen hingegen wird es ein wenig mühsam – besonders dann, wenn sich der Sport-Modus automatisch deaktiviert. Das Getriebe gibt ein schrilles Pfeifen von sich, das auf Dauer ermüdend ist.

Fahrwerk

Mit seiner Einzelradaufhängung ist der Microlino so dynamisch wie ein kleiner Sportwagen. Das Fahrwerk ist jedoch sehr unkomfortabel.

Innenraum

Der Innenraum ist geräumig und hell, die Verarbeitung hier und da noch verbesserungswürdig. Die Sitzbank bietet keinen guten Seitenhalt. Der Kofferraum ist für das Segment und die Grösse des Fahrzeugs riesig.

Sicherheit

Kein ESP, kein Airbag und auch kein ABS. Und von Assistenzsystemen ist erst recht kein Rede. Aber das Fahrgestell aus tiefgezogenen Profilen ist stark, und das spürt man.

Budget

Der hohe Preis ist zu einem guten Teil durch die handwerkliche und sympathische Seite des Fahrzeugs gerechtfertigt.

Fazit 

Der Schweizer Microlino zeichnet sich durch eine sympathische Miene, ein gepflegtes Fahrwerk und ein gutes Raumangebot aus. Ein Klein­wagen, der mit Sicherheit Geschichte schreiben wird. Die Batterie der getesteten Version ist zwar nicht die grösste im Portfolio, aber sie dürfte für den Einsatzzweck in der Agglomeration völlig ausreichen.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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