Der Budget-Bentayga

Wie die anderen Genesis-Modelle ist auch der GV80 eine Alternative zu den etablierten Premiumfahrzeugen. Mit welchen ­Argumenten kann er überzeugen?

Vor 30 Jahren waren Hersteller gezwungen, eine Limousine mit Statussymbolen anzubieten, wenn sie in die Oberklasse aufsteigen wollten. Heute hat sich das Blatt gewendet: Jede Marke, die den Status Premium erreichen will, muss ein grosses SUV anbieten. Aus diesem Grund wurde der Genesis GV80 auf den Markt gebracht, ein fast fünf Meter langes, hochgelegtes Fahrzeug, das mit BMW X5, Mercedes GLE und Audi Q7 konkurrieren soll. Ob ihm das gelingt, bleibt abzuwarten.

Rein optisch ist der GV80 ein Premiumfahrzeug, da er eindeutig vom Bentley Bentayga inspiriert ist. Er wurde von Luc Donckerwolke ent­worfen, dem ehemaligen Bentley-Designchef, der heute als Creative Director bei Genesis tätig ist. Obwohl die Türen, die Motorhaube und die Heckklappe aus Aluminium gefertigt sind, besteht das Chassis, das sich dahinter verbirgt, hauptsächlich aus hochfestem Stahl, was das Gewicht des Fahrzeugs enorm in die Höhe treibt – wir kommen später darauf zurück.

Der Genesis profitiert von der geballten Kraft der Hyundai- und Kia-Gruppe und deren Ingenieurskunst. Entwickelt wurde der GV80 im Forschungs- und Entwicklungszentrum von Hyundai in Namyang (Südkorea) und von europäischen Teams am Nürburgring (D).

Der GV80 verfügt über ein von Genesis entwickeltes Achtgang-Automatikgetriebe mit Drehmomentwandler. Für den Antrieb sorgt ein brandneuer Reihensechszylinder-Dieselmotor, der speziell für dieses Modell entwickelt wurde. Der Drei­liter-Selbstzünder hat eine Leistung von 200 kW (274 PS) und ein Drehmoment von 588 Nm. Was zeichnet dieses neue Aggregat aus? Es ist mit einem Turbolader mit variabler Geometrie ausgestattet, bei dem beide Räder (Turbine und Verdichter) kugelgelagert sind. Dies führt zu einer extrem niedrigen inneren Reibung, einer kürzeren Hochlaufzeit und damit einem schnelleren Ansprechen des Turbos. Zudem soll sich das auch positiv auf die Lebensdauer auswirken. Der Block profitiert zudem von einem flüssigkeitsgekühlten Ladeluftkühler.

Gepflegter, aber durstiger Diesel

Genesis hat die Entwicklung eines neuen Dieselmotors zu einer Zeit in Angriff genommen, in der ganz Europa nur noch von Elektromotoren spricht. Der Diesel ist in grossen und schweren SUV besonders stimmig. Er verspricht ein hohes Drehmoment in Verbindung mit niedrigen Verbrauchswerten. Das haben die AR-Tester, zumindest zum Teil, in der Praxis bestätigt. Der Reihensechszylinder wirkt auf der Strasse edel und robust. Dass es nicht möglich war, auf der AR-Normrunde auf einen Verbrauchswert von unter 9.5 l/100 km zu kommen, liegt vor allem daran, dass der Geländewagen sehr schwer ist. Zu schwer, denn er bringt 2330 Kilogramm auf die Waage. Dieses Gewicht macht sich bei jedem Beschleunigungs- und Bremsvorgang bemerkbar, weil das Fahrzeug bei Betätigung des rechten Pedals mit der Nase nach oben wippt und bei Betätigung des linken Pedals nach unten taucht. Das liegt daran, dass das SUV trotz seiner komplexen Dämpfung (Mehrlenkerachse vorne und hinten mit adaptiver Dämpfung) in erster Linie komfortabel sein soll. Der Genesis hat nichts mit Dynamik zu tun, wie die Zeit beweist, die er für die Beschleunigung von 0 auf 100 km/h benötigt: 6.9 Sekunden laut Hersteller, 8.0 Sekunden bei der AR-Messung auf der Strecke in Vauffelin BE.

Allerdings muss man zugeben, dass das Achtgang-Automatikgetriebe perfekt auf den Motor abgestimmt ist. Es schaltet sanft, aber schnell und immer in den richtigen Gang, egal ob der Fahrer segeln oder das Tempo erhöhen will. Der Allradantrieb bietet eine hervorragende Traktion, die während der Testfahrt nie beeinträchtigt war. Die Rückmeldung der Lenkung ist jedoch nicht vorhanden, sodass der Fahrer am Steuer des GV80 nichts oder nur sehr wenig spürt. In dieser Hinsicht ist die Konkurrenz besser.

Königliche Stille

Um die Kunden der etablierten Premiummarken zum Umstieg zu bewegen, muss man einige Extras bieten. Im Genesis ist dies die Stille an Bord. Der GV80 verfügt über eine aktive Geräuschunterdrückung, die störende Geräusche analysiert und sie dann mit einer invertierten Welle stummschaltet. Ausserdem verwendet Genesis doppellagiges, laminiertes Glas, um die Dezibelzahl noch weiter zu reduzieren. Das Ergebnis ist eine königliche Stille an Bord. Zweifellos schafft der GV80 damit einen Spitzenwert im Segment.

Im Innenraum sind die Materialien und die Verarbeitungsqualität hervorragend. Das Leder des getesteten Modells ist weich und geschmeidig, alle Armaturen über den Sitzen sind mit edlen Materialien (Leder und Holz) überzogen, selbst die weiter unten im Fussraum verbauten Kunststoffe sind von guter Qualität. Eine Ausnahme sind die Oberseiten des Lenkrads und der Lenksäule, die man ständig im Blick hat und berührt. Hier ist leider harter, schlecht sitzender Kunststoff verbaut. Das wirft einen kleinen Schatten auf ein insgesamt gelungenes Bild.

Wie die anderen Genesis-Modelle verfügt auch das GV80 über physische Tasten zur Bedienung. Das ist ein grosser Unterschied zur Konkurrenz, die verstärkt auf Touchscreen-Bedienung setzt. Die Tasten sind hochwertig verarbeitet, einige sind mit einem silbernen Material überzogen, das die Illusion erweckt, es mit Metalltasten zu tun zu haben. Diese Tasten befinden sich oberhalb der Klimasteuereinheit und bieten willkommene Abkürzungen, die die Navigation durch die verschiedenen Menüs des Infotainmentsystems erleichtern, das aus einem schönen 14.5-Zoll-Touchscreen im Querformat besteht. Der Bildschirm stammt aus dem Teileregal des koreanischen Konzerns und ist schon in jedem Hyundai leicht zu bedienen. Im GV80 gestaltet sich dies noch einfacher, da der Screen zusätzlich mit Drehrad und Touchpad ausgestattet ist. Kritikpunkt beim Drehregler: Er wäre noch einfacher zu bedienen, wenn er nicht bündig mit der Mittelkonsole abschlösse. Es ist nicht möglich, ihn in die ganze Hand zu nehmen, sondern man muss die Fingerspitzen bemühen.

Angenehmes Platzangebot

Vorne im geräumigen Innenraum gibt es viele Ablagen, vor allem in der Mittelkonsole. Hinten bietet die Sitzbank viel Beinfreiheit, und auch die Kopffreiheit ist grosszügig. Abgesehen von den elektrischen Tasten zum Umklappen der dreigeteilten Rückbank aus der Ferne bietet der Kofferraum keine besonders cleveren Features. Tatsächlich überrascht er vor allem durch seine spartanische Ausstattung. Die Radkästen bleiben sichtbar, und es gibt keine horizontalen Stützen, die die Abdeckung beispielsweise an den Seitenwänden abschlössen. Andererseits muss man festhalten, dass im GV80 ein riesiger Laderaum zur Verfügung steht. 735 Liter bei normaler Sitzstellung und bis zu 2152 Liter bei umgeklappten Rücksitzen machen das SUV zu einem Auto für die grosse Ferienreise mit der ganzen Familie. Der GV80 ist auch in einer Konfiguration mit sieben Sitzen (Sitzbank im Kofferraum) oder ganz neu als Variante mit sechs Sitzen (zwei unabhängige Sitze in der zweiten Reihe) erhältlich. Ein Vorteil für grosse Familien.

Was die aktive Sicherheit betrifft, wurde nichts vergessen. Unabhängig von der gewählten Ausstattungsvariante – die Linien Premium, Luxury Plus und Sport stehen zur Verfügung – sind alle Fahrhilfen serienmässig enthalten. Darüber hinaus bietet der GV80 ein teilautonomes Fahrsystem, das die Fahrweise des Autofahrers erlernt. Es erkennt Fahrbahnmarkierungen, steuert Lenkung, Beschleunigung und Bremsen und hilft dem Fahrer, die Spur zu wechseln und den Abstand zum vorausfahrenden Fahrzeug automatisch anzupassen. Im Praxisalltag funktionierte es gut.

Genesis bietet sein grosses SUV auch mit einem Vierzylinder-Benzinmotor an, eine Elektroversion soll in Kürze ebenso vorgestellt werden wie eine Coupéversion, die bereits in einem Konzeptfahrzeug zu sehen war. Der Genesis GV80 mit Vierzylinder-Benzinmotor wird in Ulsan (Südkorea) gebaut und ist ab 78 500 Franken erhältlich, während der Genesis GV80 mit Sechszylinder-Diesel ab 79 300 Franken kostet. Das Preisschild der getesteten Version zeigte 90 670 Franken an, was im Vergleich zu den teureren Modellen der Konkurrenz immer noch ein angemessener Preis ist. 

Testergebnis

Gesamtnote 74/100

Antrieb

Der angenehme und drehmomentstarke Motor ist perfekt auf das leistungsfähige Achtgang-Automatikgetriebe abgestimmt. Beide müssen leider mit einem schweren Fahrzeug zurechtkommen.

Fahrwerk

Mit seinen Mehrlenkerachsen vorne und hinten und der adaptiven Dämpfung setzt der GV80 vor allem auf Komfort, weniger auf Sportlichkeit.

Innenraum

Der Innenraum ist geräumig und gut verarbeitet – mit Ausnahme der Lenksäule. Das Infotainmentsystem wird über physische Tasten bedient.

Sicherheit

Die serienmässigen Fahrerassistenzsysteme sind zahlreich vorhanden und einfach zu bedienen.

Budget

Mit einem Basispreis von unter 80 000 Franken ist der Genesis günstiger als seine Rivalen. Seine Optionen, die über die verschiedenen Ausstattungsvarianten erhältlich sind, sind preiswert.

Fazit 

Mit dem GV80 gelingt Genesis der Einstieg in das Segment der Familien-SUV. Er bietet eine glaubwürdige und vor allem preisgünstige Alternative zu den etablierten Premiumkonkurrenten. Somit hat Genesis sein Ziel klar erreicht.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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