Grosser Kleiner

Der Taigo ist das günstigste Modell in der SUV-Palette von Volkswagen und trotzdem grösser als seine Segmentbrüder. Und auch hübscher.

Der neue Taigo nimmt eine aussergewöhnliche Stellung ein im SUV-Portfolio von Volkswagen. Nicht selten wird er als Coupévariante des T-Cross gehandelt, obwohl sich die Gemeinsamkeiten der beiden Modelle in engen Grenzen halten. Er ist unter T-Cross und T-Roc angesiedelt, obwohl er beide Modelle in der Länge überragt. Und obwohl er mit seinem Coupédach vor allem Lifestyle-Produkt ist, ist er das günstigste SUV der Marke. Mit einem Basispreis von 28 000 Franken ist der günstigste Taigo genau 200 Franken günstiger als ein Basis-T-Cross. Will man aber nicht nur das nackte Basisfahrzeug mit 81 kW (110 PS) und Sechsgang-Schaltgetriebe fahren, sondern, wie im Falle unseres Testwagens, den 1.5 TSI mit 110 kW (150 PS) und Doppelkupplungsgetriebe, wird es dann doch etwas teurer: Mit Ausstattung stösst unser Taigo für 45 660 Franken bereits in die Region des T-Roc vor.

Dafür gibt es dann den Taigo R-Line, dem es an so gut wie gar nichts mehr mangelt. Das komplette Paket an Assistenzsystemen ist dabei enthalten (+520 Fr.), dazu das Soundsystem von Beats (+480 Fr.), die IQ-Light-Scheinwerfer (+930 Fr.) und ein adaptives Fahrwerk (+290 Fr.). Damit gibt es im Taigo eine deutlich umfangreichere Ausstattung als im T-Cross, und dass sicherheitsrelevante Funktionen wie die hellen Matrix-LED-Scheinwerfer auch im unteren Segment verfügbar sind, ist erfreulich.

Das Cockpit des Taigo erinnert stark an den Polo mit den beiden Bildschirmen und den Touchfeldern für die Klimaanlage. Deren Bedienung ist nicht über alle Zweifel erhaben, die klassischen Drehregler waren deutlich angenehmer zu bedienen. Immerhin auf dem Lenkrad verbleiben die physischen Knöpfe, deren Bedienung auch blind treffsicher gelingt und die eine angenehme Alternative zu den berührungsempfindlichen Knöpfen neben dem Infotainment darstellen. Was an einem Drehknopf für die Lautstärkeregelung falsch war, bleibt wohl das Geheimnis von Volkswagen. Was die Materia­lien angeht, so zeigen sich wieder die Gemeinsamkeiten mit dem T-Cross. Auch im Taigo gibt es grosszügig Hartplastik von der Türverkleidung bis zur Mittelkonsole. Für ein potenzielles Lifestyle-Produkt ist das etwas schade, schliesslich hätte man die Möglichkeit gehabt, attraktive Akzente zu setzen.

Der optisch ansprechende Taigo ist ja gewissermassen eine transatlantische Kooperation. Gebaut wird er im spanischen Pamplona, entworfen wurde er in Südamerika von den Zwillingsbrüdern Marco und José Carlos Pavone. Aber im Herzen ist der Taigo doch ein Volkswagen, und als solcher ist deutsche Nüchternheit geboten. Da werden solide Materialien und ­eine hochwertige Verarbeitung höher gewichtet als ausgefallene Designelemente, wie man sie von den extravaganten brasilianischen Designerbrüdern vielleicht erwarten würde. Immerhin geht VW beim Exterieur etwas mutiger zur Sache und bietet ohne Aufpreis eine Zweitonlackierung mit schwarzem Dach an. Für Farbtupfer könnte die Lackierung in Kings Red (wie bei unserem Testwagen) oder Visual Green sorgen – aber am Ende werden die Kunden trotzdem zu Weiss oder Schwarz greifen.

Ruhig und sparsam auch als R-Line

Als R-Line trägt der Taigo stolz das geschwungene R im Kühlergrill. Dafür gibt es unter anderem die hübschen Stoffsitze – Leder gibt es nicht im Porgramm, da folgt VW dem Trend zu günstigen und überdies veganen Materialien. Zum R wird der Taigo aber deswegen nicht. Die Spitzenmotorisierung bildet der 1.5 TSI mit 110 kW (150 PS). Damit ist der Taigo zwar nicht sportlich, aber doch immerhin im Alltag ganz spritzig unterwegs. Die Beschleunigung an der Autobahneinfahrt dauert zwar ordentlich lange – für die Beschleunigung von 0 bis 100 km/h gibt VW 8.3 Sekunden an, gemäss unserer Messung waren es mehr als neun Sekunden. Aber im Stadtverkehr erledigt das Aggregat seinen Job tadellos. Und er ist erst noch sparsam. Auf der AR-Normrunde unterbot der Taigo mit 5.5 l/100 km den Werksverbrauch deutlich. Wer bewusst fährt, bringt den Vierzylinder-Benziner erstaunlich oft in den Eco-Modus, bei dem noch zwei Zylinder abgeschaltet werden. Wer gleich von Beginn weg auf einen (noch) sparsameren Motor setzen möchte, kann zum 1.0 TSI mit drei Zylindern und wahlweise 70 kW (95 PS) oder 81 kW (110 PS) greifen und dabei auch noch einige Franken sparen. Die bekannte und bewährte Motorenpalette aus dem Programm von VW passt hervorragend zum kleinen SUV. Ohne sportliche Ambitionen, dafür laufruhig und sparsam.

Dass das kleinste SUV von VW gar nicht so klein ist, zeigt sich auch im Innenraum. Hier macht sich bezahlt, dass der Taigo den T-Cross in der Länge um fast 15 Zentimeter überragt, gegenüber dem T-Roc sind es immerhin noch knapp drei Zentimeter. So kaschiert er die Platzeinbussen durch das abfallende Dach ganz elegant. Das Kofferraumvolumen beträgt mindestens 455 Liter, bei heruntergeklappter Rückbank sind es bis 1281 Liter. Zum Vergleich: Der T-Cross bringt es dank verschiebbarer Rückbank (die es im Taigo leider nicht gibt) auf 385 bis 455 Liter. Auch für die Insassen steht genügend Platz zur Verfügung, vier Erwachsene reisen ganz angenehm. Die Sitzbank im Fond ist zwar nicht die feudalste, aber die Knie- und Kopffreiheit reicht gut aus für Personen bis über 1.80 Meter. Für Kinder ist der Platz sowieso mehr als ausreichend. Auch wer mit dem Taigo weiter verreisen will, kommt auf seine Kosten: Auf den serienmässigen Dachträgern können weitere 75 Kilogramm transportiert werden, und die optionale Anhängerkupplung zieht bis zu 1.1 Tonnen – ausreichend für einen nicht allzu grossen Wohnwagen. Dann empfiehlt es sich aber, die grösste Motorisierung mit einem Drehmoment von 250 Nm zu wählen, denn mit 175 beziehungsweise 200 Nm sind die Ein­liter-Motoren doch eher knapp bestückt.

Besser in der Stadt

Das Fahrwerk bietet genau das, was man von einem Kompakt-SUV in dieser Kategorie erwartet: einen guten Kompromiss. In der Welt der Elektro-SUV hat man sich schon an Monsterfelgen und Niederquerschnittreifen gewöhnt, sodass die 18-Zöller des Taigo schon fast klein wirken. Die Reifen in 215/45 R18 bieten aber einen angenehmen Komfort und ein sicheres Fahrgefühl, ohne allzu satt auf der Strasse zu liegen. Dazu passt auch die leichtgängige Lenkung, die für den Stadtverkehr besser geeignet ist als für zackige Kurvenfahrten auf der Landstrasse. Als R-Line gibt es im Taigo vier verschiedene Fahrprofile (Eco, Comfort, Sport und Individual), die sich primär auf die Gaspedalkennlinie, das Schaltverhalten des Getriebes, die Lenkung und die Dämpfer auswirken. Das lateinamerikanische Temperament kaschiert der Taigo aber gut, egal welcher Modus gerade angewählt ist. Der Komfortmodus ist also üblicherweise die beste Wahl. Beziehungsweise: Wegen der verschiedenen Fahrprogramme muss man als Kunde nicht zur R-Line greifen.

Wer also ein – verhältnismässig – preiswertes, hübsch aussehendes SUV sucht, ist mit einer der günstigen Varianten des Taigo sicherlich gut bedient. Wer sich ohnehin für die stärkste Motorisierung und etwas Zusatzausstattung entscheidet, ist möglicherweise mit dem nur noch minimal teureren T-Roc besser bedient. 

Testergebnis

Gesamtnote 71.5/100

Antrieb

Das Motorenangebot für den VW Taigo beschränkt sich auf Benzinmotoren von 95 bis 150 PS. Der 1.5 TSI mit 150 PS in unserem Testwagen ist sparsam und laufruhig, aber wenig dynamisch.

Fahrwerk

Nicht zu hart, nicht zu weich: Das Fahrwerk bietet einen Komfort, der dem kompakten Stadt-SUV angemessen ist. Die dynamische Kurvenjagd ist ohnehin nicht so sein Ding.

Innenraum

Erstaunlich viel Platz für Insassen und Gepäck gibt es im Taigo. Etwas weniger Hartplastik würde den Gesamteindruck verbessern.

Sicherheit

Eine Vielzahl von Assistenzsystemen ist serienmässig an Bord oder gegen geringen Aufpreis erhältlich. Abzug gibt es für die eingeschränkte Sicht nach hinten und die Ablenkungsgefahr durch die Touchbuttons.

Budget

Mit einem Basispreis von 28 000 Franken ist der Taigo das günstigste SUV von Volkswagen. Wer eine stärkere Motorisierung oder bessere Austattung wählt, bewegt sich preislich aber schnell einmal auf dem Niveau eines T-Roc.

Fazit 

Der Taigo demokratisiere das SUV-Coupé, meint VW. Tatsächlich bringt er mit dem in Brasilien entworfenen Design etwas frischen Wind in ein wenig emotionales Segment. Ausser den wenig ansprechenden Materialien im Cockpit macht er eigentlich nichts falsch.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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