Schlagfertig

Die leistungsstärkste Version des Cupra Leon bleibt dem Kombi vorbehalten. Auch den Allradantrieb gibt es nur für diesen sportlichen Familienwagen.

Es ist eine Kombination, die es eigentlich nicht mehr gibt: ST VZ. Sportstourer Veloz, also ein schneller Kombi. Kombis mussten generell Federn lassen, und Nischenprodukte wie die Powerkombis waren das erste, was aus den Modellprogrammen fiel. Dass hierzulande die jeweiligen Topmotorisierungen wie beispielsweise ein Octavia RS weiterhin weggehen wie frische Gipfeli an einem Sonntagmorgen, ändert daran nichts.

Auf jeden Fall schlägt Cupra genau die Gegenrichtung ein und bietet die Topmotorisierung des Leon ausschliesslich für den Kombi an. Während der kompakte Leon mit 221 kW (300 PS) und Frontantrieb auskommen muss, schlagen die Spanier in der Familienkutsche noch einmal zehn PS drauf und spendieren ihm als einziger Variante ­einen Allradantrieb. Bei der restlichen Motorenpalette setzt Cupra deutlich höher an als das Zwillingsmodell von Seat: Als Basismotorisierung kommt der Zweiliter-Benziner EA888 mit 180 kW (245 PS) zum Einsatz. Alternativ kann es auch der 1.4-Liter EA211 mit 110 kW (150 PS) sein, der durch einen Elektromotor mit 85 kW (115 PS) verstärkt wird, sodass die Gesamtleistung auch wieder auf 180 kW (245 PS) zu liegen kommt.

Die Variante mit Plug-in-Hybrid konnten wir bereits vor rund einem Jahr testen, das Resultat lässt sich so zusammenfassen: So weit alles gut – mit Ausnahme des Antriebs. Der erwies sich zwar auch als gut, aber nicht unbedingt passend zum Charakter, den man erwartet, wenn man einen Cupra kauft. Dieses Manko auszumerzen, hat der VZ die besten Voraussetzungen, denn der Zweiliter-Turbomotor hat bereits im 310-PS-Formentor bewiesen, dass er ordentlich abliefern kann und sogar ein Kompakt-SUV sportlich werden lässt. Damit dürfter dieser Motor auch für den Leon die richtige Wahl sein.

Das Drehmoment von 400 Nm katapultiert den Kombi aus dem Stand schlagkräftig nach vorne. Bei aktivierter Launch-Control (wie in allen Konzernmodellen: ESP ausschalten, Sport-Modus aktivieren, Bremse und Gaspedal durchdrücken) sprintet der Leon gemäss Werksangabe in unter fünf Sekunden auf Tempo 100. 5.2 Sekunden waren es gemäss unseren Messungen, was man immer noch anstandslos als sehr sportlich durchgehen lassen kann. Zudem waren noch Winterreifen aufgezogen. Sanft ist anders, denkt man sich, wenn bei knapp 3000 U/min die im Ölbad laufende Kupplung schliesst und das Drehmoment des Motors über das Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe auf alle vier Räder abgegeben wird, deren Reifen sich beim Start in den Asphalt krallen.

Tiefer, stärker, schneller

Das muss aber nicht zwingend so sein. Vier verschiedene Fahrmodi bietet der Leon: Strasse, Sport, Cupra und Individuell. Im alltagstauglichen Strassen-Modus werden die Gänge sanft gewechselt, immer mit Komfort und Ökologie im Blickfeld. Dieser Effort ist zur Hälfte von Erfolg gekrönt: Das Getriebe verhält sich ganz zahm, und der Leon fährt sich tatsächlich sehr komfortabel. Mit der Ökologie ist es aber nicht weit her, denn den Durchschnittsverbrauch auf unter acht Liter pro 100 Kilometer zu drücken, erwies sich als fast unmöglich. Für den angegebenen WLTP-Verbrauch von 7.6 l/100 km reichte es erst recht nicht. Ein 310-PS-Sportkombi ist eben kein Sparfuchs. Am Charakter des Motors gibt es eigentlich nur zu bemängeln, dass es ihn nicht wirklich gibt. Die vierflutige Abgasanlage sieht zwar nett aus, und alle Endrohre sind echt. Wenn der Sound aber doch aus der Dose kommt, nützt das nichts. Ausser dass sich die Nachbarn am Sonntagmorgen nicht über bollernde Abgasklänge beklagen können.

Ist man einmal in Fahrt, vergisst man derartige Kleinigkeiten. Durch Druck auf den Fahrmodusknopf am Lenkrad erfolgt der Wechsel in den Sport- und den Cupra-Modus. Das adaptive Fahrwerk macht dann die Familienkutsche zum nicht mehr ganz so familientauglichen Sportkombi. Die Dämpfer sind nicht nur ein wenig, sondern richtig hart und geben Schläge fast ungefiltert ins Kreuz der Insassen weiter. Auf unebenen Strässchen ist der Cupra-Modus beinahen zu hart, das Fahrzeug beginnt dann unweigerlich zu springen. Wer mit der Schwiegermutter im Auto unterwegs ist, ist mit dem Normal-Modus deutlich besser beraten. Ansonsten liegt der Leon Sportstourer aber satt auf der Strasse. Gegenüber den anderen Modellen ist die 310-PS-Variante noch einmal tiefer gelegt, 25 Millimeter sind es an der Vorder- und 20 Millimeter an der Hinterachse. Der Vorteil des im Vergleich zu einem SUV tieferen Schwerpunktes lässt sich einfach nicht verleugnen, und auch der Leon beweist das mit weniger Wankbewegungen und Eintauchen in den Kurven. Optional kann mit Brembo-Festsattelbremsen mit 370-Millimeter- Scheiben verzögert werden.

Etwaige Querbeschleunigungen werden auf den vorderen Plätzen durch die massiven Halbschalensitze aufgefangen. Diese bieten einen angenehmen Seitenhalt am Becken und schmiegen sich im Schulterbereich eng an den Körper. Die Sitz­position im Fahrzeug ist sportlich-tief. Serienmässig verzichtet Cupra auf Ledersitze, die Bezüge sind komplett aus gestepptem Textil gefertigt. Das Armaturenbrett ist mit einem aufwändig geprägten Kunststoff versehen. Ein Auge für Details hat man in Barcelona, wie der passend abgestimmte Innenraum und die hochwertigen Materialien ­beweisen. Auch in der Basisausstattung gefällt die Kombination aus den verschiedenen dezenten ­Farben der Kunststoffe und den gezielt platzierten kupferfarbenen Dekorelementen. Man lässt dem Kunden allerdings kaum eine Auswahl, wer helle Farben mag, ist an der falschen Adresse. Optional steht bloss eine Lederausstattung in Schwarz oder blaugrauem Petrol zur Wahl. Das ganze ist nicht nur schön, sondern mit den beiden Fächern für Schlüssel und Kleinkram neben dem Wählhebel sowie der Ladeschale fürs Mobiltelefon auch ­praktisch. Auffallend – wie in allen Modellen der ­Marke – ist die prominente Platzierung des Cupra-­Knopfes am Lenkrad und des ESP-Aus-Schalters auf der Mittelkonsole: Diese Knöpfe wollen ­gedrückt sein.

Früher war mehr

In diesem Fahrmodus kann der Antrieb sein ganzes Potenzial entfalten, das zu einem grossen Teil auch dem Allradantrieb geschuldet ist. Man wundert sich, wieso der kleinere Fünftürer diesen Antriebsstrang nicht erhält – er bekäme dadurch ­einen echten Vorteil im grossen Feld der Hot Hatches. Auch wenn der Allradantrieb mit Haldex-­Kupplung nahezu identisch ist mit jenem des Golf R, so weist er doch einen markanten Unterschied auf: Der Leon kommt ohne das Torque-Vectoring-­Hinterachsdifferenzial. Auch das doch recht hohe Gewicht von rund 1.6 Tonnen schlägt negativ auf die Agilität durch. Der Leon bleibt auch in seiner stärksten Ausführung eher ein schlagkräftiges Familienauto als ein echter Sportwagen. Wer sich an die früheren Versionen mit 370 PS, Abt-Tuning ab Werk und Akrapovic-Auspuffanlgen erinnert, versteht, was wir meinen.

Diese Rolle spielt er aber sehr gut und bietet viel Platz auf allen Sitzen und zusätzlich auch im Kofferraum. 620 Liter sind es hinter der zweiten Reihe, sodass auch bei voll besetztem Auto noch genügend Platz für Gepäck vorhanden ist. Bei Software und Infotainmentsystem gibt es wenig Überraschungen, da kommen die Konzernkomponenten zum Einsatz, etwas angepasst natürlich an die gestalterischen Vorgaben der Spanier. (Ja, die unbeleuchteten Touchslider unter dem zentralen Display sind immer noch da und immer noch nicht beleuchtet.) Serienmässig gibt es ein volldigitales Kombiinstrument und ein Infotainmentsystem mit Touchscreen, optional auch mit kabellosem Android Auto und Apple Car Play.

Der Basispreis für den 310-PS-Leon liegt bei 52 700 Franken. Unsere gut ausgestattete Variante bringt es auf 65 838 Franken. Darin inbegriffen ist die 2400 Franken teure Mattlackierung, im Serienumfang ist bloss eine weisse Unilackierung dabei. Dazu kommen die hübschen 19-­Zoll-­Felgen mit kupferfarbenen Gestaltungselementen. Als letzte, quasi notwendige Option bleiben noch die Brembo-Bremsen für 2750 Franken. Damit ist der Cupra Leon bestens gerüstet für den Fahrspass. Nicht nur, wenn Frau und Kind und Hund und Gepäck mit an Bord sind, sondern auch, wenn der Fahrer allein auf einsamer Landstrasse unterwegs ist. Dann findet der Daumen ziemlich schnell den Cupra-Knopf am Lenkrad, um den entsprechenden Fahrmodus zu aktivieren.

Testergebnis

Gesamtnote 80.5/100

Antrieb

Genügend Leistung und Allrad: Der Antrieb des Cupra Leon wird dem Anspruch an einen Sportkombi gerecht. Nur sparsam ist er nicht.

Fahrwerk

Die adaptiven Dämpfer sorgen für eine grosse Spreizung zwischen «schwiegermuttertauglich» und «geht sicher nicht mehr mit Familie im Auto».

Innenraum

Altbekannt ist der Innenraum des Leon. Das heisst aber nicht, dass er schlecht wäre. Er überzeugt mit viel Platz und einer ausgewählten Farbkombination.

Sicherheit

Die optionalen Brembo-Bremsen beissen kräftig zu, und diverse Assistenzsysteme gibt es auch noch für den Notfall.

Budget

Die simplen Preismodelle und der gut verkraftbare Preis machen den ­Cupra Leon zu einer guten Wahl.

Fazit 

Wenn, dann so. In dieser Art liesse sich ein Fazit zum Leon Cupra ziehen. Sportliche Kombis haben einen schweren Stand, umso wichtiger ist es, dass sie sie ihre Aufgabe gut erfüllen. Beim Cupra Leon mit 310 PS muss man sagen: Aufgabe erfüllt.

Die technischen Daten und unsere Messwerte zu diesem Modell finden Sie in der gedruckten Ausgabe und im E-Paper der AUTOMOBIL REVUE.

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