Kleine Giganten

VERGLEICH Die Kompaktklasse erfreut sich nach wie vor grösster Beliebtheit. Der direkte Vergleich von vier ihrer schärfsten Vertreter zeigt, dass zwar meist auf dasselbe Konzept gesetzt wird, die Charakteristik aber unterschiedlicher kaum sein könnte.

Erinnern Sie sich an unseren letzten Vergleichstest (AR 30-31/2019)? Dem Polo GTI wurde vorgeworfen, in der VW-Philosophie, die ein Auto für möglichst viele Leute anbieten will, gefangen zu sein. Ähnlich verhält es sich mit seinem grösseren Bruder, dem Golf GTI TCR. Schade, vor allem weil die Endung TCR zwar Rennsport impliziert, aber diesen eben nicht automatisch implementiert. Ein markanterer Heckdiffusor, Splitter an der Front sowie rote Akzente im Innenraum reichen wahrlich nicht aus, um die Grundgesetzte eines Golf auszuhebeln. Damit trumpft der Deutsche zwar mit dem besten Platzangebot, dem modernsten Infotainmentsystem und naturgemäss auch dem höchsten Preis (Testwagenpreis: 53 677 Fr.) auf. Und mit 290 PS, 370 Nm und dem Siebengang-Doppelkupplungsgetriebe macht dem TCR zumindest bei der Beschleunigung kaum einer was vor. Bei Komfort und Alltagssportlichkeit ist der Golf GTI TCR die eierlegende Wollmilchsau. Jedoch ging dabei etwas das Rennpferd vergessen. Der Vergleich mit dem Honda Civic Type R, Renault Megane R.S. Trophy und Hyundai i30 Fastback N – der Ford Focus ST war zum Testzeitpunkt noch nicht verfügbar – zeigt, dass die Konkurrenz deutlich konsequenter und (quer-)dynamischer unterwegs ist. Zur Beurteilung entführten wir die allesamt frontgetriebenen Kompaktsportler auf den Circuit de Bresse (F), bewerteten dabei aber nicht nur die Rennstreckenperformance. Um die Unterschiede herauszuarbeiten, haben wir die Fahrzeuge nach den folgenden Kriterien verglichen: Motor und Getriebe, Fahrverhalten, Innenraum und Preis. Für die ersten beiden Kategorien vergaben unsere vier Tester jeweils 30 Punkte, die auf die vier Kontrahenten verteilt werden konnten. Für die Kategorien Innenraum und Preis, denen in dieser Klasse weniger Gewicht bei-gemessen wurde, wurden jeweils 20 respektive 15 Punkte vergeben. Schliesslich wurden fünf Punkte für den Gesamteindruck verteilt. Unterstützt wurden unsere Tester mit Kris Richard von einem Spezialisten, der sich wie kaum einer mit Kompaktsportlern auskennt. Der Berner, derzeit in der Blancpain GT Series unterwegs, war 2016 im Honda Civic TCR Tourenwagen-Europameister und fuhr spärter mit einem Hyundai i30 N TCR. Die Bewertungen von Richard – gleich wie die schnellen Runden mit jedem Auto – können auf unserer Website angeschaut werden und basieren auf der Rennstreckenleistung: «Primär muss dennoch der Eindruck auf öffentlichen Strassen überzeugen. Das macht er bei allen vier Modellen, auch wenn die Vorzüge in unterschiedlichen Bereichen liegen.» Tatsächlich kristallisierte sich in drei von vier Kategorien schnell ein Spitzenreiter heraus.


VW GOLF GTI TCR

Man kann vieles an diesem Golf GTI TCR lieben. Zum Beispiel seinen Innenraum, der, ungeachtet seiner baldigen Pensionierung, noch immer als absolute Referenz hinsichtlich Qualität, verbauter Materialien, Ergonomie und Platz für Fahrer und Beifahrer gilt. Zudem war der TCR-Golf bei den Beschleunigungstests bei weitem der Schnellste. Leider ist allerdings auch der Golf, genau wie sein kleiner Bruder Polo GTI (s. Vergleichstest «Sportliche Flitzer», AR 30-31/2019) vor ihm, in der Volkswagen-Philosophie gefangen. Einer ideologischen Auffassung, die darauf beharrt, Fahrzeuge für jedermann und -frau herzustellen. Daraus resultiert im Fall des Golf GTI TCR ein zu glatter Charakter, der kaum Emotionen vermittelt. Jedenfalls zu wenig, um seinen Preis – den höchsten im Vergleich – zu rechtfertigen.


RENAULT MEGAN R.S. TROPHY 300

Der Trophy, die Pistenversion des normalen R.S., landet im Fotofinish vor dem Hyundai i30 Fastback N auf dem zweiten Platz. Dies vor allem aufgrund seines Fahrwerks, das einerseits sehr effizient ist – der Franzose liegt auf der Rennstrecke in Bresse nur eine Zehntelsekunde hinter dem Honda – und andererseits dank der Allradlenkung sehr spielerisch. Sein energischer und hochtouriger Antrieb bereitet sowohl in schnellen Kurven als auch in langsamen Abschnitten viel Freude. Alles perfekt?Leider nein. Vor allem die wenig ausdauernden Bremsen trüben die Bilanz. Das Getriebe zeigt sich zäh im Betrieb, was ebenfalls zahlreiche Punkte gekostet hat. Letztlich machte der Grundpreis des Trophy, der bereits eine gute Ausstattung mitbringt, den Unterschied aus.


HONDA CIVIC TYPE R

Mit dem aufbrausenden Charakter des Zweiliter-Turbos, dem süchtig machenden Getriebe und der kompromisslosen Definition der Achsen hat uns der Honda bereits bei seiner Markteinführung 2017 zum Staunen gebracht. Zwei Jahre später erweist sich der Honda Civic Type R als Referenz unter den Kompaktsportlern und wehrt die hartnäckigen Angriffe seiner Rivalen mit Leichtigkeit ab. Wenn auf das unnötige Karbonpaket verzichtet wird, ist der Preis – trotz deutlicher Steigerung – konkurrenzfähig. Der aggressive Look des Honda Civic Type R ist sicherlich nicht nach jedermanns Geschmack, und das Infotainmentsystem hätte eine Generalüberholung verdient, doch diese Mängel hindern den Honda Civic Type R nicht daran, diesen Vergleich haushoch zu gewinnen.


HYUNDAI I30 FASTBACK N

Auf den ersten Blick erscheint der dritte Platz für den i30 Fastback N enttäuschend. Tatsächlich ist dieses Resultat aber als Halbsieg zu interpretieren. Der Japaner ist dem Megane R.S. Trophy, dem Sportexperten mit langer Tradition, auf den Fersen. Und das beim ersten Versuch als N-Version! Unser Pilot Kris Richard hat ihn dem Franzosen aufgrund der grösseren Variabilität gar vorgezogen (s. Video auf unserer Website). Der Hyundai hat wahrlich viele Vorzüge: das scharfe Fahrwerk, der explosive Motor sowie das herrlich präzise Getriebe. Auch der Preis ist verführerisch, dennoch ist es empfehlenswert, zusätzlich das Paket N-Exclusive (4910 Fr.) zu wählen. Sein grösster Mangel – für einige Tester ein grundlegender – ist die Fahrposition, die zu sehr an den normalen, braven i30 erinnert.


Bereits optisch führt kaum ein Weg am Honda Civic Type R vorbei. Der leistungsstärkste Vertreter im Test (320 PS, 400 Nm) gibt unweigerlich zu verstehen, dass er nur wenig kompromissbereit ist. Das Design folgt der Funktion. So produziert er als einer der letzten Vertreter mit einer fetten Theke als Heckspoiler echten Anpressdruck, wirkt dabei aber vor allem in der Profilansicht deutlich erwachsener und ästhetischer als sein Vorgänger. Die tiefen Schalensitze und das automatische Rev-Matching sorgen für ordentlich Rennfeeling, die knackig geführten Schaltwege und das unverfälschte Lenkfeedback für viel Spass. Das verlangt im Alltag beim Manövrieren mehr Körpereinsatz, und auf der Langstrecke gibt sich der Japaner aufgrund des harten Fahrwerks nicht sonderlich wohlwollend. Dafür hält er sich beim Verbrauch angenehm zurück. Gleich drei Kontrahenten erreichten auf der AR-Normrunde den guten Wert von 6.7 Litern pro 100 Kilometer. Einzig der Hyundai genehmigte sich einen Liter mehr. Nur unwesentlich bescheidener, dafür aber um ein gutes Stück komfortabler geht es im Megane R.S. Trophy (300 PS, 400 Nm) zu und her. Seine Ambitionen vermittelt der Franzose unter anderem mit den RS-typischen Tagfahrleuchten im Zielflaggen-Design. Die Abgasanlage mit Klappensteuerung sorgt dafür, dass der 1.8-Liter-Turbobenziner – der kleinste im Vergleich – nicht nur ordentlich Dampf hat, sondern auch viel Rabatz macht. Zusammen mit dem i30 N hat der Franzose den kernigsten Sound, auf Wunsch mit mehr oder weniger knallenden Fehlzündungen. Und weil es auch am Innenraum des Megane mit den Recaro-Sitzen und vielen Alcantara-Elementen kaum etwas zu kritisieren gibt, ist es umso bedauerlicher, dass der Spass von der hakeligen Schaltung und den wenig ausdauernden Bremsen getrübt wird. Als wirkliche Überraschung stellte sich die Performance des Hyundai i30 Fastback N heraus. Beim schwächsten Fahrzeug im Vergleich (270 PS, 378 Nm), das gleichzeitig den meisten Speck auf den Hüften hat (1510 Kilogramm), ist gerade die Spreizung des elektronischen Fahrwerks dank unzähliger Einstellungsmöglichkeiten und der piekfeinen Abstimmung erstklassig. Und das zum voll-ausgestatteten Kampfpreis von 46 290 Franken – auch wenn dafür trotz elektrischen Glasschiebedachs Abstriche am Innenraum gemacht werden müssen. Die Sitzposition ist zu hoch, und die Mittelarmlehne reicht nicht weit genug nach vorne, um den gut geführten Schaltknauf zu erreichen. Kurzum: Das Cockpit erinnert zu sehr an den normalen i30 und wird der N-Version nicht gerecht.

Eine Frage der Sichtweise
Womit wir wieder beim Anfang sind. Sowohl der i30 Fastback N als auch der Golf GTI TCR leiden etwas unter ihren Konzernbrüdern. Während der Hyundai sich im Innenraum zu sehr an die koreanischen Konventionen hält, überzeugt er mit seiner ansonsten hervorragend ausgewogenen Eigenständigkeit. Der dritte Gesamtrang, nur äusserst knapp hinter dem Renault Megane R.S. Trophy, ist durchaus als Erfolg zu werten.
Grösser ist die Enttäuschung über den vierten Platz des Golf GTI TCR. Als einer der renommiertesten Vertreter der erfolgreichen Kompaktklasse ist der Golf auch in der TCR-Ausführung das bequemste, dafür aber auch langweiligste Auto im Vergleich. Der Golf GTI TCR ist keinesfalls ein schlechtes Auto, im Alltag läuft er einem Grossteil seine Konkurrenten den Rang ab. Wir sind aber der Ansicht, dass zwischen dem normalen GTI und dem Golf R genügend Platz vorhanden gewesen wäre, um etwas Radikaleres und weniger Angepasstes auf die Räder zu stellen. Denn ein echter Kompaktsportler muss nicht nur mit hohen PS-Zahlen, sondern auch mit der richtigen Abstimmung überzeugen. Auch wenn dafür Abstriche in der Alltagstauglichkeit hingenommen werden müssen, sorgen der Megane R.S. Trophy – leider nicht nur im positiven Sinne – und der Civic Type R für die grössten Emotionen. Mit seinem messerscharfen Handling ist der Japaner verdientermassen und mit grossen Abstand unser Testsieger.


Alles, was der passionierte Autofahrer braucht

Damit alle Voraussetzungen für diesen Vergleichstest erfüllt waren, fuhren wir auf den Circuit de Bresse im französischen Departement Saône-et-Loire. In knapp eineinhalb Stunden Fahrzeit ab Genf oder 2:30 Stunden von Bern aus erreichbar, bietet dieser Rundkurs die perfekte Mischung aus schnellen und technischen Passagen – genau das Richtige, um die Leistung und das Fahrwerk unserer vier Konkurrenten auf Herz und Nieren zu prüfen. Die drei Kilometer lange und zwölf Meter breite Strecke kann in unterschiedlichen Streckenführungen und Teilstücken befahren werden. Neben dem Rundkurs beherbergt das 55 Hektar grosse Gelände eine 1.1 Kilometer lange Kartstrecke. Eine weitere Teststrecke auf 21 000 Quadratemetern rundet das Angebot ab. Dort können Autos unter verschiedenen Bedingungen geprüft werden: geringe Bodenhaftung, Ausbrechen der Hinterachse auf einer Rutschplatte oder auch eine Strecke mit neun Prozent Neigung. Autos mit Allradantrieb können auf einem Offroad-Parcours getestet werden. Zuletzt sei auf das Rennkart-Team Praga Racing für ambitionierte Fahrer hingewiesen.

Der Circuit de Bresse bietet eine gelungene Mischung aus schnellen und langsamen Passagen.

1 Kommentar

  1. Das Fahrwerk und die Schaltung des i30N, den Komfort und Innenraum des GTI, die Power des Type R, eine manuellee Handbremse, 360° Kamera, einen geringen Normverbrauch und abschaltbare Assistenten – wenn ich mir mein Auto nur backen könnte …

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