IM DIENSTE DER QUEEN

Richard Charlesworth MVO* war bei Bentley lange Jahre als Bindeglied zwischen der Marke und dem britischen Königshaus für das royale Fahrvergnügen zuständig. Gegenüber der AR plaudert der Szene-Kenner (ein wenig) aus dem Nähkästchen.

«Gewisse Mitglieder der königlichen Familie lieben es sogar, ihre Autos selbst zu fahren.» Richard Charlesworth

Seit Walter Owen (W. O.) Bentley 1919 im Londoner Stadtteil Cricklewood unter seinem Namen mit dem Bau von Automobilen begonnen hatte, kann die britische Nobelmarke auf eine bewegte Geschichte zurückblicken. Sie hatte auch vieles wegzustecken: Den Konkurs 1931, die verschleierte Übernahme durch den Konkurrenten Rolls-Roy­ce im selben Jahr, den Umzug der Produktion über Derby in Zentralengland zum heutigen Standord in Crewe (Grafschaft Che­shire) und schliesslich 1998 die Übernahme durch den Volkswagen-Konzern.

Es gab weniger schöne Episoden wie etwa die erzwungene Aufgabe der eigentlich so erfolgreichen Rennsport-Aktivitäten, aber auch viele schöne Begebenheiten wie etwa der Umstand, dass man offizieller Hoflieferant der britischen Königin und der Königsfamilie wurde. Heute ist Bentley Motors bekanntlich in der Moderne angekommen, mit dem Bentayga hat man ein gefragtes SUV im Angebot, und in diesem Modell hielt auch der erste Diesel der Marke Einzug. Während über 40 Jahren Teil dieser bewegten Konzerngeschichte ist Richard Charlesworth. Er war lange Zeit dafür verantwortlich, womit sich die Royals fortbewegten.

«Automobil Revue»: Wie ist Ihre Beziehung zu Bentley?

Richard Charlesworth: Ich war während 42 Jahren Repräsentant der Marke, eine Zeitlang übrigens auch für Rolls-Royce. Im März 2016 wurde ich zwar pensioniert, doch dann berief man mich zum Markenbotschafter. Diese Funktion übte ich bis Ende Juni dieses Jahres aus. Seither bin ich nun im Ruhestand.

Welche waren Ihre Hauptaufgaben?

Meine Tätigkeit für Bentley umfasste mehrere Rollen. So lag in den letzten 20 Jahren mein Fokus auf zwei Bereichen. Zum einen kümmerte ich mich um die wichtigsten Kundenbeziehungen unserer Marke in aller Welt – insbesondere die königliche Familie, Staatsoberhäupter und weitere Personen von internationaler Bedeutung –, zum anderen befasste ich mich mit den Klassikern, dem Bentley-Erbe. So hatte ich zum einen mit der Geschichte der Marke zu tun, andererseits befasste ich mich auch mit dem Fortschritt unserer Modelle und brachte diesen unseren wichtigsten Kunden näher.

Was macht Bentley als «Brand» so besonders?

Das ist eine gute Frage. Zuerst würde ich sagen, dass es die Autos an und für sich sind. Dann aber auch die Menschen, die mit diesen Fahrzeugen zu tun haben. Für mich ist die Essenz eines Bentley eng mit dem Thema Maschinen verknüpft. Doch es geht nicht weniger um menschliche Aspekte wie die Fragen nach den Schöpfern, Fahrern und Besitzern der Autos.

Und mehr auf das Fahrzeug bezogen?

Ein Bentley hat komfortabel zu sein. Er muss bequem sein, so, dass man sich sofort wie zu Hause fühlt. Denn jede und jeder der Bentley-Kundschaft hat in ihrem oder seinem Leben etwas Ausserordentliches geleistet, etwas erreicht. Und deshalb ist der Anspruch, dem unser Produkt gerecht werden muss, entsprechend hoch.

Wie wichtig sind andere Elemente wie die Geschichte der Marke, das Erbe oder auch der technische Fortschritt und der Rennsport?

Da muss man natürlich ganz zu den Anfängen zurück, als W. O. Bentley 1919 die Bentley Motors Ltd. gründete und die ersten Wagen baute. Diese hatten als grosse und leistungsfähige Rennwagen ihre spezifischen Charaktere. Die Autos waren aber trotz aller Sportlichkeit ebenfalls luxuriös und vor allem für ein längeres Autoleben gebaut. Sie konnten es mit den schlechtesten Strassen der damaligen Zeit aufnehmen und zogen die Aufmerksamkeit der besten und erfolgreichsten Rennfahrer von damals auf sich. Diese Leute, man kennt sie als die «Bentley Boys», und vor allem ihr Lifestyle, waren wiederum für die Öffentlichkeit sehr interessant. Wenn erfolgreiche Piloten einer Marke speziell vertrauen, ist das eine Qualifikation. Nur ein gutes ­Auto kann solche Menschen anziehen.

Gründet hier auch die Abgrenzung zu Rolls-Royce?

Genau. Zum einen baut Rolls-Royce schon seit 1904 Autos, zum anderen standen die Produkte dieser Marke immer für grosse, luxuriöse und repräsentative Limousinen. Im Gegensatz zu den Herren Rolls und Royce war es aber W. O. Bentley speziell wichtig, dass seine Automobile auf Rennpisten bestehen können. Demgegenüber favorisierte man bei Rolls-Royce klar den Luxus, über den man sich auch definierte.

Dann ist wohl von den Luxusmarken ein Bentley bei Selbstfahrern eher die Wahl. Ist das richtig?

Bei einer Marke, die sich im Rennsport erfolgreich bewiesen hat, liegt dies wohl auf der Hand. Sicher, man kann sich gerade in heutigen Bentley-Modellen, etwa jenen mit verlängertem Radstand, auf unvergleichlich komfortable Art und Weise chauffieren lassen, doch der Fokus liegt bei einem Bentley klar auf dem Fahrer.

Wie handhabten es denn die Persönlichkeiten, die Sie in Ihrer Tätigkeit für Bentley persönlich kennenlernten, mit dem Selbstfahren?

Effektiv hatte ich die Ehre und auch das Vergnügen, viele dieser Kunden direkt zu betreuen. Das gilt vor allem auch für die Mitglieder der britischen Königsfamilie. Bei diesen Persönlichkeiten stellt sich natürlich immer die Frage, ob sie in offizieller Mission unterwegs sind oder nicht. Einige von ihnen haben eine vorgegebene Rolle zu erfüllen. Doch wenn sich für sie die Gelegenheit bietet, dann ergreifen auch sie gerne das Lenkrad.

Wie ist die Beziehung von Bentley zum britischen Königshaus?

Ausgezeichnet. Wir hatten die Ehre, im Jahr 2002 zum Anlass des Goldenen Thron-Jubiläums, Ihrer Majestät, Königin Elizabeth II., und dem Duke of Edinburgh eine neue Staatslimousine zu überreichen. Bis dahin hatte die Queen als Staatskarosse einen Rolls-Royce und es war auch ein Rolls gewesen, den sie 1977 für das silberne Jubiläum erhalten hatte. Da gerade das Jahr 2002 für die Marke Bentley entscheidend war, damals gingen wir und Rolls-Royce definitiv getrennte Wege, war das alles natürlich etwas ganz Besonderes.

War für die Queen der Verkauf von Bentley an Volkswagen und jener von Rolls-Royce an BMW wohl noch wichtiger als das einzelne Fahrzeug?

Absolut. Den Übernahmeprozess der zwei Marken hatte man ja schon in den Jahren 1997 und 1998 abgewickelt. Das ganze Verfahren erstreckte sich über mehr als 12 Monate und die Queen war über alles informiert. Sie liess sich über alles unterrichten, so etwa auch über die komplexe Situation mit den Produktionsstandorten und den Markenrechten.

Was kostete der Bentley der Queen?

Nun, im Prinzip waren es 2002 zwei Autos. Die eigentliche Limousine und deren Prototyp. Sie werden aber verstehen, dass ich Ihnen nun keine konkrete Summe nennen kann. Im Detail war es übrigens so, dass das eine Fahrzeug ein Geschenk der britischen Industrie an die Queen war und das zweite Auto war eine Art Tauschgeschäft. So bekamen wir für unser Museum Fahrzeuge aus der königlichen Sammlung im Abtausch für die Lieferung einer zweiten Staatslimousine.

Der damalige Bentley-CEO Franz-Josef Paefgen zeigt der Queen am 29. Mai 2002 die neue Bentley-Staatskarosse. Bentley Mulliner baute davon zwei Stück, die Basis stammt vom Arnage. Die 3390 kg schweren und 6,22 m langen Wagen hatten einen 6.75-L-V8 mit 405 PS und 835 Nm. © zVg.

Wer von der königlichen Familie fährt sonst noch einen Bentley und welchen?

Aus verständlichen Gründen kann ich keine Details nennen. Es geht hier um Themen wie Diskretion und Sicherheit. Ich kann lediglich verraten, dass die meisten Mitglieder der königlichen Familie selbst Bentley benutzen. Ein Bentley ist für diesen Status sicher ein angemessenes Transportmittel.

Ein solcher Wagen hat auch noch bestimmte Voraussetzungen zu erfüllen.

Die Sicherheit muss klar gegeben sein, doch Sie werden verstehen, dass ich mich dazu nicht detaillierter äussern kann. Ein solches Fahrzeug muss aber aber nicht nur repräsentieren, sondern es soll auch praktisch sein. Denken Sie nur an all die Fotografen, da muss insbesondere das Entsteigen aus einem solchen Auto unkompliziert und einfach vonstattengehen. Ich erinnere auch an die Uniformen und die Hüte, welche die Herren und die Damen des Hofes zu vielen der offiziellen Anlässe tragen.

Fahren die Royals diese Autos privat?

Durchaus. Wenn es die Umstände zulassen, ist dies absolut der Fall. Sie müssen wissen, dass es sich dabei um echte Kunden handelt. Es gibt keine Gratis-Bentley, auch nicht für diese Klientel. Gewisse Mitglieder der königlichen Familie lieben es sogar, ihre Autos selbst zu fahren. Ich war mehrere Male dabei, als man sich bei einer offiziellen Mission zuerst im Fond des Wagens zum Anlass chauffieren liess und als dieser vorbei war, man sich den Schlüssel schnappte, um sich selbst ans Steuer zu setzen.

Wie kauft sich denn eigentlich ein Mitglied des Königshauses einen Bentley? Geht man einfach so zum Händler und bringt diesen dann auch selbst zum Service?

Je enger man mit der Queen verwandt ist, desto weniger ist die Möglichkeit für solche Vorgänge gegeben. Für einen gewissen Personenkreis bieten wir die Möglichkeit an, den Kauf direkt im Werk abzuwickeln. Nun, sofern es sich um moderne Bentley handelt, wird der Unterhalt wie bei einem herkömmlichen Fahrzeug auch normal durch einen Markenvertreter sichergestellt. Natürlich gibt es für solche Aufgaben entsprechendes Personal.

Würden Sie uns nun zum Abschluss dieses Gesprächs mit einer Anekdote aus Ihrer Karriere am Leben dieser Berühmtheiten teilhaben lassen?

Da gibt es natürlich viele. Doch wenn ich mich jetzt für Ihre Zeitung daran erinnern müsste, lässt mich irgendwie mein Gedächtnis im Stich (lacht). Aber ein bestimmtes Erlebnis möchte ich nicht missen. Es war nämlich der Moment, als wir der Queen und dem Duke of Edinburgh 2002 im Schloss Windsor die neue Staatskarosse präsentieren durften. Es war im Oberen Hof von Schloss Windsor, dem sogenannten «Quadrangle». Dort positionierten wir zum einen den Rolls-Royce Phantom IV als Vorgänger und dann zum direkten Vergleich den Bentley. Bei dieser Zeremonie waren nebst Vertreterinnen und Vertretern der ebenfalls beteiligten Firmen auch die rund 30 Bentley-Angestellten zugegen, welche in Crewe an der Konstruktion des Wagens beteiligt waren. Und die Queen nahm sich entgegen dem Protokoll effektiv die Zeit, um mit diesen Kolleginnen und Kollegen zu sprechen und sie persönlich zu begrüssen. Wir waren alle einfach nur baff.

 

*Richard Charlesworth (62) ist Mitglied des «Royal Victorian Order» (MVO, Victoria-Orden). Dieser britische Hausorden war 1896 durch Königin Victoria gestiftet worden und mit ihm werden Personen ausgezeichnet, die britischen Monarchen oder einem Mitglied der königlichen Familie persönlich gedient haben. Privat besass Charlesworth zwar nie einen Bentley – «dieses Vergnügen konnte ich mir nie leisten» –, er ist aber stolzer Besitzer eines Alvis.

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